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Die Mächtigen in Kundus

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Die Provinz Kundus in Nordafghanistan gilt als permanenter Unruheherd. Dort kämpfen amerikanische und deutsche Soldaten gegen Taliban und andere Aufständische, dort ließ Oberst Georg Klein zwei Tanklaster bombardieren und dort hat die Bundeswehr die meisten Gefallenen zu beklagen. Im Juli hat Deutschland die Sicherheitsverantwortung in der Provinz an die Afghanen übergeben. Deutsche Soldaten werden wohl aber bis über 2014 hinaus, dem offiziellen Abzugsdatum, in Kundus bleiben.

Nils Wörmer  hat sich für das Afghanistan Analysts Network, ein unabhängiger Think Tank, mit den Machtstrukturen in Kundus beschäftigt. Wörmer stellt fest, dass die Deutschen die komplizierten Strukturen in der Provinz nicht  durchschaut haben, als sie 2003 dort ihr erstes Regionales Wiederaufbauteam installierten.

Wörmer, ehemaliger Offizier der Bundeswehr, schreibt, dass die Deutschen unbedingt das vermeintlich friedliche Kundus als Standort wollten. Wer das heutige Kundus verstehen wolle, müsse sich mit der jüngste Geschichte beschäftigen. Wichtig seien vor allem die Jahre 1992 bis 2001, vom Ende der sozialistischen Zentralregierung bis zur Flucht der Taliban. Wörmer arbeitet auf knapp 50 Seiten die Geschichte, Kultur und soziale Strukturen Kundus‘ auf.  Viele einflussreiche Figuren Nordafghanistans waren schon vor der Taliban-Herrschaft bedeutende Anführer im Jihad, ihre alten Netzwerke spielen bis heute eine große Rolle.

Die lesenswerte Studie ist über die Homepage des Afghan Analysts Network abrufbar.

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Das Ende der alten Bundeswehr

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Deutsche Soldaten in Kundus

Deutsche Soldaten in Kundus / Foto: Hauke Friederichs

Sie kämpfen, sie töten, sie sterben: Zehn Jahre nach dem 11. September üben die Soldaten der Bundeswehr einen völlig anderen Beruf aus als früher.

Von Hauke Friederichs

Wie überall auf der Welt liefen am 11. September 2001 auch in den deutschen Kasernen die Fernseher. Wie so viele Menschen hatten auch die meisten Soldaten an diesem einschneidenden Tag das Gefühl, dass sich nun vieles ändern würde. Angehörige der deutschen Spezialkräfte ahnten wohl bereits, dass ein neuer Einsatz auf sie zukommen würde. Dass aber die Bundeswehr zehn Jahre später kaum mehr wiederzuerkennen sein würde, dass haben sich wohl die wenigsten vorstellen können. Nicht alles davon ist eine Folge der Terroranschläge von New York und Washington. Aber vieles.

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Guttenberg geht, die Probleme bleiben

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Wer wird neuer Verteidigungsminister? Wie geht es mit der Bundeswehrreform weiter? Was sagen die Soldaten? Die wichtigsten Fragen und Antworten nach Guttenbergs Rücktritt

Von Hauke Friederichs

Welche Aufgaben kommen auf den Nachfolger zu?

Abzugspläne für Afghanistan, Aussetzung der Wehrpflicht, drastische Einsparungen: Für die Bundeswehr könnte der Rücktritt des Verteidigungsministers kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Ungeachtet dessen, dass Guttenberg in seiner Rücktrittserklärung davon sprach, „ein weitgehend bestelltes Haus“ zu hinterlassen, wird der Neue im Bendlerblock sich um etliche Baustellen kümmern müssen: 

So muss die Truppe mit dem Wechsel von der Wehrpflichts- zur Berufsarmee deutlich attraktiver werden. Bisher funktioniert die Anwerbung von Freiwilligen und Soldaten auf Zeit nicht. Ohne die Wehrpflichtigen, von denen sich zahlreiche Männer nach Dienstende länger verpflichtet haben, fehlt der Bundeswehr eine Rekrutierungsbasis. Guttenberg hatte überlegt, in der Bild-Zeitung Anzeigen schalten zu lassen, um junge Menschen anzusprechen.

Der Abzug aus Afghanistan soll in diesem Jahr noch beginnen, wenn die Sicherheitslage das hergibt. Guttenberg hatte sich mit Außenminister Westerwelle gestritten, ob ein Abzugsdatum genannt wird. Der FDP-Vorsitzende möchte möglichst schnell die Sicherheitsverantwortung an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. Guttenbergs Nachfolger muss nun eine Exit-Strategie erarbeiten. 

Der neue Verteidigungsminister muss auch das verlorengegangene Vertrauen beim Parlament zurückgewinnen. Die Opposition klagte im Verteidigungsausschuss häufig darüber, wichtige Informationen aus der Zeitung – und nicht vom Minister zu erfahren. Sein Nachfolger hat die Chance, die Zusammenarbeit mit dem Bundestag auf eine neue Grundlage zu stellen.

Als wichtigste Aufgabe steht aber der Umbau der Bundeswehr fest. Das Ministerium soll kleiner werden, Mitarbeiter aus Bonn sollen nach Berlin kommen. Die Infanterie soll größer werden, andere Teile des Heeres, die Marine und die Luftwaffe kleiner. Mit Tausenden Berufs- und Zeitsoldaten, die eingespart werden, müssen auch einige Standorte wegfallen. Ministerpräsidenten und Bürgermeister kämpfen bereits um ihre Kasernen. Die große Linie hat das Kabinett abgesteckt, vor allem sollen 8 Milliarden Euro eingespart werden. Guttenberg hatte dem zunächst zugestimmt und dann die Sparpläne für unrealistisch erklärt.

Kernaufgabe muss zudem sein, die Reform sicherheitspolitisch zu begründen. Guttenberg gelang dies nicht, das Kanzleramt rügte ihn dafür zuletzt. Auch sollte der Minister einer echten öffentlichen Diskussion um die künftigen Aufgaben der Bundeswehr anstoßen und das Weißbuch der Bundeswehr überarbeiten.

Die internationale Kooperation bei Rüstungsprojekten und sicherheitspolitischer Zusammenarbeit muss intensiviert werden. Frankreich und Großbritannien bauen gemeinsam einen Flugzeugträger. Polen kooperiert eng mit den amerikanischen Streitkräften bei der Beschaffung. Auch Deutschland müsse für eine weitergehende Aufgabenverteilung auf Nato-Ebene eintreten, fordern SPD und Grüne. Guttenberg war auf diesem Feld nicht sehr aktiv. „Wir müssen entscheiden, wie wir unsere knappen Haushaltsmittel mit Blick auf unsere internationalen Verpflichtungen wesentlich effektiver einsetzen, auch hinsichtlich des Teilens oder Zusammenfassens von Fähigkeiten verschiedener Bündnispartner“, sagt Roderich Kiesewetter, Vize-Präsident des Reservistenverbandes und Bundestagsabgeordneter der CDU.

Welche Nachfolger werden gehandelt?

Ein Politiker, der schon vor Guttenbergs Rücktritt genannt wurde, sitzt bereits im Kabinett: Peter Ramsauer. Der aktuelle Verkehrsminister gehört wie Karl-Theodor zu Guttenberg der CSU an. Würde ins Verteidigungsministerium wechseln, müsste Kanzlerin Angela Merkel das Kabinett nicht allzu kräftig umbauen. Ein Christsozialer würde durch einen Parteifreund ersetzt, das Gefüge nicht geändert. Das Magazin Focus handelte Hans-Peter Friedrich, CSU-Landesgruppenchef bereits als künftigen Verkehrsminister. Doch Ramsauer findet an den Spekulationen wenig Gefallen und will künftig lieber weiterhin Autobahnkreuze einweihen. Nein, er wolle nicht Verteidigungsminister werden, sagte er der Rheinischen Post. „Meine Kinder sind zu klein, um jetzt nur noch in gepanzerten Wagen herumzufahren.“

Friedrich wird aber nicht nur als neuer Verkehrsminister gehandelt. Mancher Parteifreund traut ihm auch zu, gleich Guttenbergs Nachfolger zu werden. Allerdings sei sein Verhältnis zur Kanzlerin nicht sehr vertrauensvoll, heißt es. 

Auch der Name von Thomas de Maiziére fällt derzeit oft im politischen Berlin. Der Bundesinnenminister ist ein enger Vertrauter der Kanzlerin. In seinem Bereich stehen allerdings ebenfalls ehrgeizige Reformen an. De Maiziére kämpft bisher vergeblich für eine Fusion von Bundeskriminalamt und Bundespolizei. Sollte der CDU-Politiker in den Bendlerblock wechseln, würde nur eine kleine Rochade im Kabinett erforderlich sein. Die CSU würde dann das Innenministerium bekommen. Damit zeigen sich einige Christsoziale durchaus zufrieden. Auch für den Posten des Innenministers sei Hans-Peter Friedrich geeignet, heißt es in CSU-Kreisen.

Die Leipziger Volkszeitung hat den derzeitigen Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Hans-Jürgen Weise, als Favoriten für die Nachfolge ausgerufen. Weise hat die Strukturkommission der Bundeswehr geleitet, er kennt die Armee von innen, hat zwölf Jahre lang als Offizier bei der Bundeswehr gedient. Der 59-Jährige hat aber keinerlei Erfahrung in der Politik. Weise äußerte sich zunächst nicht zu den Gerüchten. „Die Frage ist nicht gestellt worden und wird nicht beantwortet“, sagte eine Sprecherin der Bundesagentur. Als weiterer Kandidat gilt Christian Schmidt, parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Der CSU-Politiker arbeitet seit November 2005 in der politischen Leitungsebene des Hauses. Bisher hat er alle Krisen seiner Chefs überstanden, ohne beschädigt zu werden. Schmidt gilt nicht als besonders redegewandt oder charismatisch, er ist aber ein ausgewiesener Bundeswehrexperte. Ihm werden aber nur Außenseiterchancen eingeräumt. Florian Hahn, Bundestagsabgeordneter der CSU, kann sich Schmidt gut in dem Amt vorstellen.

Als Retter in der Not könnte Merkel auch den Fraktionsvorsitzenden der Union, Volker Kauder ins Rennen schicken. Einmalig wäre dieser Fall nicht. Peter Struck, damals Fraktionschef der Sozialdemokraten, löste den unglücklichen Rudolf Scharping im Amt des Verteidigungsministers ab. Allerdings fehlte der Union dann Kauders Talent, die Bundestagsfraktion zusammenzuhalten.

Was sagen die Soldaten und Bundeswehrangehörige zu Guttenbergs Rücktritt?

Viele deutsche Soldaten im Regionalkommando Nord in Afghanistan bedauern den Rücktritt ihres obersten Dienstherrn. Die Männer und Frauen der Bundeswehr in Masar-i-Scharif, Faisabad und Kundus wurden von der Entscheidung ebenso überrascht wie die Politiker in Berlin. „Die Soldaten haben vom Rücktritt aus den Medien erfahren“, sagt der Sprecher des Regionalkommandos Nord. Der Sender der Bundeswehr, Radio Andernach, habe dann intensiv berichtet. Der Dienst ändere sich durch Guttenbergs Rücktritt nicht. „Wir machen weiter wie bisher“, sagte der Sprecher ZEIT ONLINE. „Der Minister war seit Oktober vier Mal in Afghanistan bei der Truppe. Bei jedem Besuch hat er die Soldaten begeistert.“

(…)

(Mehr auf ZEIT ONLINE – http://mobil.zeit.de/politik/deutschland/2011-03/guttenberg-ruecktritt-fragen-antworten)

Der Lügenbaron

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Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vor der Bundespressekonferenz

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vor der Bundespressekonferenz

Der Verteidigungsminister galt bereits als nächster Kanzler. Doch sein Hang die Wahrheit zu biegen, kann ihn nun die politische Karriere kosten.

Von Hauke Friederichs

Was wäre das für ein Ausstellungsstück gewesen! Doch leider musste das Lügenmuseum im brandenburgischen Kyritz im vergangenen Jahr schließen. Ansonsten hätten die Betreiber ihre Sammlung mit einem interessanten Exponat erweitern können: Ein hellblaues Buch, 475 Seiten stark und trotz des unspektakulären Titels Verfassung und Verfassungsvertrag momentan so gefragt, dass es in den meisten Bibliotheken vergriffen ist.

Der Autor, Karl-Theodor zu Guttenberg, zählt zu den beliebtesten Politikern des Landes. Er sagt gerne Sätze wie „Verantwortung bedeutet vor allem Verpflichtung, Vertrauen und Gewissen“ oder „Politik braucht klare Werte“. Mit solchen Parolen, seinem selbstbewussten Auftreten, Manieren und Dank der adeligen Herkunft und der Bilderbuchfamilie stieg Guttenberg zur Hoffnung der Christsozialen auf. Kaum ein politisches Amt, das ihm von den Medien und der Öffentlichkeit nicht zugetraut wurde.

Doch die vermeintliche Lichtgestalt der deutschen Politik misst die Wahrheit mit zweierlei Maß. Von Untergebenen erwartet er Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Bei sich selbst zeigt er sich da großzügiger – nicht erst, seitdem seine Doktorarbeit von Rechercheuren durchleuchtet wird. Guttenberg hat mehr als einmal in seiner Karriere die Wahrheit so gedehnt, dass seine politischen Gegner von Lügen sprachen. Zahlreiche Hinweise gab es, dass die Vorwürfe nicht übertrieben waren. Doch jetzt bei seiner Doktorarbeit wird es offensichtlich. Niemand außer dem Verteidigungsminister trägt für die zahlreichen von anderen Autoren übernommenen und nicht ausgewiesenen Textstellen die Verantwortung.

Bereits zum Beginn seiner Amtszeit als Wirtschaftsminister strapazierte er die Wahrheit: „Ein teilwirtschaftliches Fundament durfte ich mir in der Zeit vor der Politik bereits aneignen durch die Verantwortung, die ich im Familienunternehmen getragen habe“, sagte er damals. Das klingt erfahren und seriös. Guttenberg führte tatsächlich die Guttenberg GmbH, ein Unternehmen mit drei Mitarbeitern, das 2000 einen Jahresumsatz von gerade einmal 25.000 Euro erwirtschaftet haben soll. Der CSU-Politiker berichtete zudem, er habe von 1996 bis 2002 dem Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum AG angehört. Aktiv oder engagiert soll er in dem Gremium jedoch nie gewesen sein, berichteten andere Mitglieder. Die Familie Guttenberg hielt 26,5 Prozent der Stammaktien und war deswegen im Kontrollgremium vertreten. Eine eigene Leistung des Freiherrn war mit der Berufung nicht verbunden.

Das Magazin Panorama des NDR-Fernsehens spießte darüber hinaus 2009 auf, wie Guttenberg seine Berufserfahrung in der freien Wirtschaft darstellte. „Ich durfte im Zuge dessen mit teilnehmen an einem Gang, den die Familie mit begleitet hat – und zwar federführend mit begleitet hat – eines großen Konzerns, der an die Börse geführt wurde, und der ein M-Dax Unternehmen wurde. Ihnen werden die Rhön-Kliniken etwas sagen“, verkündete der Minister Anfang 2009 verschwurbelt. Die Rhön-Kliniken gingen allerdings bereits 1989 an die Börse. Das war wenige Tage vor Guttenbergs 18. Geburtstag. „Andere lernen in diesem Alter gerade Autofahren“, stellte die Panorama-Redaktion süffisant fest.

In seinem Lebenslauf finden sich weitere Belege dafür, wie Guttenberg mit der Wahrheit umgeht: „Freier Journalist bei der Tageszeitung Die Welt„, steht dort. Doch beim Axel-Springer-Konzern, dem Verlag der Welt, heißt es, Guttenberg sei Praktikant in der Redaktion gewesen. Mehr könne nicht bestätigt werden. Auch weitere Stationen scheint der Politiker aufgehübscht zu haben: So berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, dass aus Praktika als Student in der Vita „berufliche Stationen in Frankfurt und New York“ wurden.

Bisher konnte der Beliebtheit von KTG, wie ihn mancher Bewunderer nennt, nichts anhaben, nicht einmal sein fragwürdiger Umgang mit der verheerenden Tanklaster-Bombardierung bei Kundus. Vergeblich hatte die Opposition im Kundus-Untersuchungsausschuss versucht, Guttenberg der Lüge zu überführen. Den Vorwurf, der Minister sage die Unwahrheit, hatten Ex-Staatssekretär Peter Wichert und der ehemalige Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan erhoben. Beide hatten vor dem Ausschuss ausgesagt, dass bei einem Gespräch vor ihrer Entlassung fünf Personen im Ministerbüro anwesend gewesen seien. Doch Guttenberg beteuerte, es seien vier gewesen. Zwei gegen einen, so sah es zunächst aus. Dann folgte Guttenbergs Büroleiterin der Version ihres Chefs. Eine Gegenüberstellung der Zeugen verhinderten Union und FDP mit ihrer Mehrheit im Ausschuss. Eine Klage der Opposition dagegen scheiterte vor Gericht. Guttenberg konnte bei seiner Version bleiben.

(…)

(Den ganzen Artikel finden Sie auf ZEIT ONLINE)

„Die Menschen wollen Frieden“

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Die Bundeswehr hat die Aufständischen in Nordafghanistan zurückgedrängt. Nun will sie die Bevölkerung mit Bauprojekten gewinnen. Eine Fahrt durch Chahar Darreh.

Von Hauke Friederichs, Kundus

Der Motor des Dingos brüllt auf. Dreizehn Tonnen Stahl setzen sich mit einem Knirschen in Bewegung. In dem Militärfahrzeug sitzen drei Soldaten des Wiederaufbauteams Kundus und ein Dolmetscher. Sie gehören zu einer Patrouille, die an einem frühen Wintermorgen in den Distrikt Chahar Darreh aufbricht, vorweg ein Einsatzwagen vom Typ Eagle IV. Der Staub, den dessen dicke Reifen aufwirbeln, legt sich grau auf die Frontscheibe des Dingos.

„MG schwenkt links.“ Der Maschinengewehrschütze kurbelt an zwei Griffen, die Waffe auf dem Dach bewegt sich. Die Wagen verlassen das Feldlager im Schritttempo, vorbei an Schranken und afghanischen Wachmännern, über Bodenhindernisse kriechend und hüpfend, geht es nach draußen. Die Soldaten zurren ihre Helme fest.

Durch Panzerglasscheiben blicken die Soldaten in eine trübe Landschaft. Nebel hat sich über die Gegend gelegt. Die Kolonne überholt einen alten Mann auf einem Fahrrad. Er bleibt stehen, um sich mit einem anderen Graubart zu unterhalten. Die Armeefahrzeuge nehmen sie nicht wahr. Nach dreißig Jahren Bürgerkrieg gehören Soldaten zu ihrem Alltag. Die Alten haben schon russische Soldaten in den Kampf gegen die Mudschaheddin ziehen gesehen. Noch heute stehen zerschossene, rostende Panzerwracks am Straßenrand, Warnungen an alle ausländischen Truppen.

Vor einem Laden harrt regungslos ein Mann aus, ein graues Tuch vor sein Gesicht geschlungen, vor der Brust eine Kalaschnikow. Die Scheiben des Geschäfts, das er bewacht, sind verschmiert von Staub und Dreck. Kurz beobachten die Soldaten den Mann, dann konzentrieren sie sich wieder auf die Straße. In Afghanistan gibt es unzählige Bewaffnete: Wächter, Bodyguards, Polizisten. Es sei schwer zu erkennen, wer Feind und Freund sei. „Sicher bist Du Dir erst, wenn einer auf Dich schießt.“

Die Patrouille bringt den Chef des Stabes des Wiederaufbauteams, Oberstleutnant Robert E., zu zwei Baustellen in Chahar Darreh. Er will die Fortschritte eines Straßenbauprojekts und eines Brückenbaus begutachten. Zur Bewachung fährt ein Zug der Schutzkompanie mit.

Chahar Darreh war vor wenigen Monaten noch sogenanntes Indianerland. Aufständische kontrollierten den Distrikt zu großen Teilen, die Bundeswehr rückte dort gelegentlich mit Kampftruppen ein. Wiederaufbauprojekte gab es kaum noch. Nach einigen Offensiven und seitdem die Bundeswehr mehrere dauerhafte Außenposten einrichtete, hat die Sicherheitslage sich deutlich verbessert.

Jungen auf klapprigen Eseln zuckeln an den Deutschen vorbei. Kleine Kinder rennen aus einer Lehmhütte an den Straßenrand. Sie hüpfen herum, lachen und winken den gepanzerten Wagen zu. Die drei Soldaten winken zurück. Alle tragen hellbeige Uniformen, Schutzwesten, in den Ohren einen Gehörschutz, der ihr Trommelfell bei Explosionen vor der Druckwelle schützen soll, vor den Augen Spezialbrillen.

(…)

(Die ganze Reportage finden Sie auf ZEIT ONLINE)

Die Kämpfer schimpfen auf die Lagerbürokraten

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In der Bundeswehr wächst die Kluft zwischen Soldaten, die gegen Aufständische kämpfen, und jenen, die kaum die Feldlager verlassen.

Von Hauke Friederichs, Kundus

Der Koch klatscht mit einem großen Metallheber frittierten Seelachs auf einen Teller. Sein Nebenmann kippt rote Tomatensauce darüber und reicht den Teller einem wartenden Soldaten. Im neuen Küchengebäude im Feldlager Kundus in Nordafghanistan steht an diesem Abend Gulasch oder Fisch zur Wahl.

„Bitteschön, der Herr“, flötet einer der Köche dem Oberstabsgefreiten übertrieben freundlich hinterher. Er trägt ein makelloses weißes Oberteil, auf dessen Schulter die Deutschlandfahne aufgenäht ist. Der nächste Soldat in der Schlange sagt: „Ich hätte gerne dasselbe.“ Die Köche tauschen einen Blick. „Dasselbe oder das Gleiche?“, fragt einer der beiden. Der Oberstabsgefreite poltert los: „Ihr solltet lieber mal raus fahren, dann würde Euch Komikern das Scherzen vergehen!“ Er will sich kaum mehr beruhigen. „Kriegen für die Essensausgabe das gleiche Geld, wie wir fürs Kämpfen, so ein Scheiß!“ Sein Kamerad schiebt ihn langsam weiter. „Diese Lagerhanseln“, schimpft der Soldat.

Auf seiner Schulter prangt das Wappen der Task Force Kundus. So wird unter Soldaten das Ausbildungs- und Schutzbataillon genannt, das im August 2010 aufgestellt wurde. Die 750 Mann starke Task Force besteht aus Fallschirmjägern, Pionieren, Sanitätern und Aufklärern. Die Soldaten sichern über Wochen kleine Außenposten, von denen aus die Bundeswehr im Norden die von den Taliban zurückeroberte Gebiete kontrolliert. Das Leben in diesen „Combat Outposts“ ist hart. Die Soldaten leben unter Plastikplanen, nutzen selbstgebaute Duschen und haben als einzige Sanitäranlage, wenn überhaupt, ein Dixi-Klo.

Soldaten der Task Force Kundus stehen häufig in Feuergefechten mit Aufständischen. Vor allem die Fallschirm- und Gebirgsjäger kämpfen auf „Handgranaten-Wurfweite“, wie es der Kommandeur des Regionalkommandos Nord, Generalmajor Hans-Werner Fritz im ZEIT-ONLINE-Interview ausdrückte. Sie fahren über verminte Straßen und müssen jederzeit mit einem tödlichen Anschlag rechnen.

Sie schimpfen über ihre Kameraden, die immer nur im Feldlager arbeiten und den gleichen Auslandsverwendungszuschlag von 110 Euro und die gleichen Auszeichnungen bekommen. Vor allem sind sie wütend auf die „Lagerbürokraten“. So gebe es Stabsoffiziere, die Soldaten für mangelhaftes Aussehen rügten, wenn diese nach Wochen im Außenposten zurückkämen.

Die Soldaten, die gegen die Aufständischen kämpfen, ärgern sich auch über die Männer und Frauen der Einsatzwehrverwaltung, die für alle Entscheidungen komplizierte Anträge bräuchten. Die könne man draußen im Dreck einfach nicht schreiben. Ein Fallschirmjäger berichtet, wie sehr er sich über die Instandsetzung geärgert habe, als diese sein Fahrzeug nicht reparieren wollte, weil Freitag war. An diesem sogenannten Baseday haben viele Soldaten frei. „Wir hatten draußen wochenlang keinen freien Tag“, sagt der Infanterist. Und dann weigere sich der „Drinnie“, das Fahrzeug zu richten. „Drinnies“ – so nennen die Kämpfer die Soldaten, die das Lager nie verlassen.

Hochrangige Offiziere dementieren, was für Infanteristen offensichtlich ist. Dass nämlich die Truppe gespalten ist. „Alle Aufgaben sind wichtig“, sagte Generalmajor Fritz im Interview mit ZEIT ONLINE. „Auch die Logistiker müssen raus und die Leute draußen versorgen. Die Sanitäter leisten unter Feuer draußen Immenses.“ Zudem verwische der Unterschied zwischen den Soldaten, die traditionell draußen sind, wie Fallschirm- und Gebirgsjäger, und denen, die eher im Lager sind, immer mehr.

Den Kämpfern ist klar, dass sie ohne die Infrastruktur des Feldlagers aufgeschmissen wären. Viele Infanteristen sind froh, dass es die Männer in der Feldpost gibt, ohne die keine Briefe nach Haus gingen und keine Pakete in Kundus, Faisabad oder Masar-i-Scharif ankämen. Auch die Betreuungseinrichtungen Lummerland in Kundus oder im Planet Masar im Camp Marmal in Masar-i-Scharif schätzen die Soldaten ebenso, wie den „Verticker“, den Laden in Kundus.

Doch gleichzeitig ärgern sie sich über die Kameraden, die nicht anerkennen würden, dass sie eine besondere Last tragen. Manch einer verortet das Problem in der Führungsebene. Einige Soldaten, auch junge Offiziere, sagen, es sei Zeit, dass die Führungsschicht der alten Bundeswehr abtrete, und der Nachwuchs, der in Afghanistan gekämpft hat, das Ruder übernehme. Dann endlich würde den Bürokraten und Erbsenzählern der Marsch geblasen.

Die Bundeswehr hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Vor allem der Einsatz in Afghanistan hat dazu beigetragen. Doch noch tut sich die Truppe schwer damit, ihre althergebrachten Strukturen zu modernisieren. Das zeigt sich auch bei den Auszeichnungen. Als General Fritz dem scheidenden Kommandeur der Task Force Kundus kürzlich feierlich die Einsatzmedaille Bronze verlieh, sagte hinterher einer seiner Soldaten: „Der Oberstleutnant hätte mehr verdient gehabt. Diese Medaille bekommt doch jeder nach 30 Tagen im Einsatz.“

(Quelle: ZEIT ONLINE – http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-01/bundeswehr-afghanistan-feldlager )

„Man kann einen Krieg nicht mit Transportfahrzeugen führen“

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Die Lage in Afghanistan hat sich verbessert, sagt der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus. Die Sicherheit der Soldaten dürfe nun aber nicht dem Sparzwang zum Opfer fallen.

ZEIT ONLINE: Herr Königshaus, als sie vor acht Monaten das Amt des Wehrbeauftragten antraten, gab es Kritik an ihrer Wahl. Ihr Vorgänger, Reinhold Robbe von der SPD, wurde sogar von CDU-Politikern aufgefordert, erneut zu kandidieren. Nun wurden Sie in von allen Bundestagsfraktionen mit Lob überschüttet, weil Sie gleich mehrere Probleme in der Truppe offenlegten. Überrascht Sie das?

Hellmut Königshaus: Das Lob zeigt mir, dass einigen aufgefallen ist, dass ich mein Amt so ausfülle, wie es mancher vielleicht vorher nicht erwartet hat. Ich warte nicht nur, dass mich Beschwerden erreichen. Ich gehe gerade in die Bereiche hinein, aus denen ich nichts höre.

ZEIT ONLINE: Welche Bereiche der Bundeswehr meinen Sie damit?

Königshaus: Es gibt Einheiten, in denen es, vorsichtig gesagt, nicht üblich ist, sich an den Wehrbeauftragten zu wenden. Gerade bei den Truppenteilen, die sich als Elite fühlen, ist das gelegentlich so. Wer sich nicht einfügen kann, ist zu schwach für uns, heißt es dann. Für den Einzelnen kann das dann sehr belastend sein.

ZEIT ONLINE: Ihre besondere Aufmerksamkeit scheint den Soldaten in Afghanistan zu gelten.

Königshaus: Ja, drei bis vier Mal pro Jahr möchte ich unsere Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan besuchen. Ich komme auch gerade aus Kundus und Masar-i-Scharif wieder. Solche Besuche sind wichtig, um mit den Soldaten zu sprechen und ein realistisches, ungeschminktes Bild von der Lage zu bekommen. So kam auch die Geschichte mit der geöffneten Feldpost heraus.

ZEIT ONLINE: Die Feldpost-Affäre war das wohl spektakulärste Ergebnis ihrer Reise. Was haben Sie sonst aus Afghanistan mitgenommen?

Königshaus: Eine Erkenntnis ist, dass sich im deutschen Mandatsgebiet die Sicherheitslage durch die Arbeit unserer Soldaten verbessert hat. Vor meinem Amtsantritt hatte ich auf die ungenügende Ausrüstung der Soldaten in Afghanistan hingewiesen – und wurde dafür heftig kritisiert. Nun hat sich gezeigt, dass ich damals Recht hatte.

ZEIT ONLINE: Sie forderten damals auch den Einsatz des schweren Kampfpanzers Leopard 2, der aber noch nicht in Afghanistan genutzt wird.

Königshaus: Der Leopard 2 war damals nur ein Beispiel unter vielen, das ich gebracht habe. Ich hatte auch mehr Schützenpanzer vom Typ Marder gefordert, und dazu ist es ja gekommen. Und die Amerikaner unterstützen uns inzwischen zudem mit ihren Hubschraubern. Außerdem haben wir mittlerweile mit der Panzerhaubitze 2000 ein viel schwereres Kaliber, als den Leopard 2 in Afghanistan stationiert. Die Soldaten begrüßen die Artillerie sehr, sie fühlen sich sicherer, wenn sie in deren Radius operieren.

ZEIT ONLINE: In Deutschland wurde die Entsendung der schweren Geschütze und das härtere Vorgehen kritisiert.

Königshaus: Nicht von allen. Es ist aber eine Tatsache, dass sich die Lage dank des robusteren Vorgehens stark verbessert hat. Und die Soldaten sind auch zufriedener. Für sie gibt es nichts Schlimmeres, als wenn sie sich ständig „einigeln“ müssen. Es ist doch so: Wenn  man sagt, der Einsatz der Bundeswehr sei wie im Krieg, dann braucht die Truppe auch Waffen wie im Krieg. Man kann einen Krieg nicht mit Transportfahrzeugen führen.

(…)

Die Fragen stellte Hauke Friederichs

(Das ganze Interview finden Sie auf ZEIT ONLINE)