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Das Tal der Taliban

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Major Waqas und ein Mullah (vorne) sagen ehemaligen Taliban, dass das Töten von Moslems Sünde sei. / Foto: Hauke Friederichs

Major Waqas und ein Mullah (vorne) sagen ehemaligen Taliban, dass das Töten von Moslems Sünde sei. / Foto: Hauke Friederichs

Im Swat-Tal kämpfte das pakistanische Militär noch vor wenigen Monaten gegen die Taliban. Nun will die Armee aus Feinden loyale Bürger machen.

Von H. Friederichs, Barikot

Der bärtige Geistliche im weißen Gewand steht mit geschlossenen Augen vor dem Mikrofon. „Allahu akbar“ singt der Mullah, Gott ist groß. Vor ihm sitzen Männer aus einem Ortsteil von Barikot, einer Stadt im pakistanischen Swat-Tal. Dann rezitiert der Mullah eine Sure aus dem Koran. Das offizielle Programm endet damit. Der Ort feiert den Wiederaufbau nach der Flut im vergangenen Jahr und den Kämpfen zwischen pakistanischer Armee und den Taliban 2009.

Doch dann geht ein schmächtiger Junge zum Mikrofon. Ängstlich schaut er in die Runde und erzählt mit brüchiger Stimme von der Herrschaft der Taliban. Der Schüler Fakhad hasst die Extremisten, die vor zwei Jahren im Swat-Tal die Macht übernommen hatten. Er hasst sie so sehr, dass er einfach das Wort ergreift, mit der Tradition bricht – ein 15-Jähriger spricht nun vor den Graubärten.

Musik hätten die Talibs verboten, westliche Kleidung ebenso, sie hätten alles verboten. Ihr seid nun frei, sagten die Gotteskrieger. „Doch unsere einzige Freiheit war die Freiheit, in die Moschee zu gehen.“ Fakhad macht eine Pause. Die Einwohner im Swat-Tal wissen, wovon er spricht. Die Radikalen schüchterten die Menschen ein, errichteten ein Regime, das auf Angst baute. Männer ohne Bart wurden getötet, angebliche Spione an Straßenlaternen aufgeknüpft. Fakhad redet weiter, die Stimme wird immer fester. „Die Taliban waren nicht gut“, sagt er laut. „Ich habe viele Menschen sterben gesehen.“

Im Publikum nickt mancher Zuhörer dem jungen Redner zu. Der Mullah und andere Gäste sitzen mit regungslosen Gesichtern vor ihm und schauen auf den Boden. Frauen gibt es keine in Publikum. Das Swat-Tal bleibt auch ohne die Taliban-Herrschaft konservativ – selten verlassen Frauen das Haus, dann meist in  Burka. Im Innenhof des Dorfzentrums servieren junge Männer den Alten Tee und süßes Gebäck. Fakhad verlässt die improvisierte Bühne. Er hat Schweiß auf der Stirn. Nachts quälen ihn Alpträume. Kaum eine Nacht schläft er durch. Immer wieder dringen die Radikalen in seinen Träumen in das Haus seiner Familie ein, töten Verwandte.

Wenige Kilometer entfernt, außerhalb von Barikot, sitzen 40 bärtige Männer dicht an dich auf Stühlen in einem lichtdurchfluteten Raum. Sie alle sind ehemalige Kämpfer der Taliban. An der weißen Wand hängt eine große Pakistan-Flagge. Vor den Männern steht ein Geistlicher der pakistanischen Armee hinter einem Tisch mit grüner Decke, der Farbe des Propheten. Er liest aus dem Koran vor. Er sagt, es sei haram, eine Sünde also, einen Moslem zu töten.

Die Tür schwingt auf, ein Offizier der 19. Division der pakistanischen Armee marschiert in den Raum. Die Männer springen auf, mancher reckt die Faust in die Höhe. Dann skandieren alle: „Gott ist groß. Lang lebe Pakistan. Lang lebe die pakistanische Armee.“ Der Offizier in Flecktarn-Uniform lächelt. Deradikalisierung nennt die Armee ihr Programm, mit dem sie im Swat-Tal aus früheren Feinden Pakistans loyale Bürger machen will. Die Ex-Taliban sitzen da wie gleichgeschaltet: Alle tragen helle Hosen, dunkle Westen und graubraune Mützen, alle schauen ernst, alle haben die Hände im Schoß gefaltet.

Vor wenigen Monaten hat der Soldat noch gegen diese Männer gekämpft, gegen die pakistanischen Taliban. Allein die 19. Division hat 3.000 Mann verloren. Insgesamt starben im Kampf gegen die Taliban mehr Soldaten als in den drei Kriegen gegen Indien. Noch immer müssen Major Waqas und seine Männer mit Angriffen durch Selbstmordattentäter rechnen.

Der Offizier sagt, die früheren Taliban hätten ein falsches Verständnis vom Koran. Der Islam sei eine Religion des Friedens und der Toleranz. Die früheren Taliban nähmen freiwillig an der Deradikalisierung teil, versichert der Offizier. Die meisten hätten vorher im Gefängnis gesessen. Zu langen Haftstrafen verurteilte Kriminelle oder überführte Terroristen würden im Deradikalisierungskurs aber nicht akzeptiert. Zwölf Wochen dauert das Programm. Im April begann der dritte Lehrgang. Vor dem Klassenzimmer, auf dem Flur, patrouilliert ein Posten mit einem Sturmgewehr in den Händen. Auch das Tor wird streng bewacht.

(…)

(Den ganzen Artikel finden Sie auf ZEIT ONLINE)

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