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Vernetzte Sicherheit, Steitkräfte, Internationale Politik

Alleingelassen mit dem Krieg

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Fast 300.000 deutsche Soldaten schickte die Bundeswehr bisher in Auslandseinsätze. Die Veteranen klagen über fehlende Betreuung und Unterstützung.

Von Hauke Friederichs

Der junge Soldat kehrt heim aus dem Krieg. Er kommt zurück, doch im Frieden nicht an. Er bleibt ein Fremdkörper. Der fiktive Fall, veröffentlicht im Jahr 1947, könnte heute spielen. Der Schriftsteller Wolfgang Borchert hat in seinem Drama Draußen vor der Tür das Leid eines Veteranen geschildert, der mit zerschundenem Körper und versehrter Seele in das Nachkriegsdeutschland heimkehrt. Für manchen Soldaten der Bundeswehr, der heute aus Afghanistan wiederkehrt, schildert Borchert keine mehr als 60 Jahre zurückliegende Geschichte, sondern das eigene Schicksal.

Draußen vor der Tür wählte die Evangelische Akademie in Bad Boll als Überschrift für eine Konferenz über die Lage von ehemaligen Soldaten nach dem Auslandseinsatz.

„Wir Soldaten werden von der Politik losgeschickt, um die Kartoffeln aus dem Feuer zu holen“, sagt ein Veteran auf der Tagung. „Doch wenn wir wiederkommen und berichten, die Kartoffeln sind gerettet, aber die Hand ist verbrannt, dann werden wir entlassen und müssen selber sehen, wie wir zurechtkommen.“ Die Soldaten, von denen er spricht, haben in Afghanistan, Somalia, Kosovo und Bosnien gedient. Sie haben Dinge erlebt, über die in Deutschland kaum jemand etwas weiß. Viele von ihnen ringen mit dem Staat, der sie in die Einsätze schickt, um Entschädigung, eine Therapie und vor allem um Anerkennung.

Besonders schwer haben es die Zeitsoldaten, deren Dienst häufig nach einem Auslandseinsatz endet. Sie sollen sich eine zivile Existenz aufbauen, doch der Krieg in Afghanistan lässt sie nicht los. Längst nicht nur die Soldaten, die wegen des Erlebten krank werden und an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, haben Probleme, sich wieder an das normale Leben in Deutschland anzupassen. Freunde, Bekannte, Verwandte verstehen nicht, was die Soldaten in Masar-i-Scharif, Kundus oder Faisabad erlebt haben. „Menschen verlassen das Land und kehren zurück mit Erfahrungen, die auf extreme Weise anders sind, als die ihrer zurückgebliebenen Mitmenschen“, schrieb der amerikanische Psychiater Jonathan Shay bereits 1987 über die Vietnamveteranen.

In Deutschland hat man das Problem jahrelang nicht wahrgenommen. Oder wahrnehmen wollen. Erstmals schickte der Bundestag 1993 Kampftruppen ins Ausland, nach Somalia. Dann folgten die robusten Einsätze auf dem Balkan. Schon damals erlitten zahlreiche Soldaten Traumata, doch nur wenige in der Truppe erkannten dies. Einer von ihnen war der Oberstarzt Reinhard Erös. Er hatte während der sowjetischen Invasion in Afghanistan jahrelangen unbezahlten Urlaub genommen, um unter dem Schutz der Mudschahedin die Menschen medizinisch zu versorgen. Er erlitt selber ein Trauma und weiß, was das für Soldaten bedeutet. Gemeinsam mit anderen Ärzten, Psychologen, Psychiatern und Seelsorgern versuchte er damals, die Bundeswehr dazu zu bringen, Traumatologen ausbilden zu lassen. Doch vor 20 Jahren wollten die Verantwortlichen davon nichts wissen. „Die Bundeswehr ist heute Schlusslicht bei der PTBS-Betreuung“, schimpft Erös.

Tatsächlich sind die deutschen Streitkräfte, deren Umbau zur Einsatzarmee voranschreitet, auf die Folgen der Auslandsmissionen noch nicht wirklich eingestellt. Es dauerte fast 18 Jahre, bis die Bundeswehr nach dem ersten robusten Auslandseinsatz ein Traumazentrum aufbaute – obwohl bekannt war, dass bei der US-Armee bis zu 30 Prozent der Soldaten im Auslandseinsatz an PTBS erkranken. Dort sind die Veteranen organisiert und machten nach dem Vietnamkrieg Druck auf die Politik.

Die Veteranen der Bundeswehr hatten in Deutschland lange kein eigenes Forum. Erst im vergangenen Jahr entstanden zwei Interessenvertretungen: Eine von ihnen, der Bund Deutscher Veteranen, war auf der Tagung in Bad Boll mit rund 30 Mitgliedern vertreten. „Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg hört unsere Definition von Veteranen auf“, sagte der Vorsitzende, Andreas Timmermann-Levanas. „Wer ist eigentlich ein Veteran? Muss der im Krieg gewesen sein oder sogar außerhalb des Feldlagers unterwegs?“ Für seinen Verband sind es „Soldaten der Bundeswehr, die in einem Auslandseinsatz waren, egal, ob als Küchenhelfer oder Scharfschütze“.

Timmermann-Levanas war in Afghanistan an Feuergefechten beteiligt, kämpfte gegen Aufständische und erlitt nach der Rückkehr eine Posttraumatische Belastungsstörung. Er war in etlichen Bundeswehrkrankenhäusern, vier unterschiedliche Fachärzte untersuchten ihn und diagnostizierten ein Kriegstrauma. Timmermann-Levanas wurde deswegen nach 24 Jahren aus der Armee entlassen. Doch als er einen Antrag auf eine Wehrdienstbeschädigung stellte, teilten die Behörden ihm mit, er habe gar keine PTBS, er sei nicht krank. Die zuständigen Beamten beriefen sich auf die Expertise einer Gutachterin, die Timmermann-Levanas nie gesehen hatte. Er ging gegen diese Einschätzung vor, immer wieder. Mittlerweile spricht er vom „Krieg gegen das System“ vom „Krieg gegen die Bürokratie“.

(…)

(Den ganzen Artikel finden Sie auf ZEIT ONLINE – http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-03/bundeswehr-soldaten-trauma-betreuung)

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Eine Antwort

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  1. Sehr geehrter Herr Friederichs,

    Zum Thema:

    „Die Veteranen klagen über fehlende Betreuung und Unterstützung.“

    Ich zürnte den Politikern …
    • weil sie sich in einen ungewinnbaren Krieg haben hineinziehen lassen,
    • weil sie unsere Soldaten an der Front nicht mit dem nötigen Material zu ihrer Verteidigung ausrüsten und so auch nicht für ihre größtmögliche Sicherheit sorgen,
    • weil sie die Soldaten, die „unsere Freiheit am Hindukusch verteidigen“ – nicht etwa in Hamburg, München, Dresden oder dem Rheinland – nicht angemessen absichern, so dass sie nicht nur zerschossen und PTBS belastet nach Hause kommen, sondern drüber hinaus noch einem immensen, unverantwortlichen Sozialabstieg ausgesetzt werden,
    • weil die „Heimatfront“ mit Desinformationen still gehalten wird, so dass die mentale Unterstützung der Bevölkerung für die Soldaten fehlt,
    • vor allem aber ärgere ich mich aber auch über diejenigen Journalisten, die den Finger nicht auf die Wunde legen, sondern zu verschleiern versuchen,
    • und meine Kollegen Schriftsteller, die in ihren Büchern das Thema nicht aufgreifen!

    • Was war doch Erich Maria Remarque für ein mutiger Schriftsteller seiner Zeit, der mit seinem Roman „Im Western nichts Neues“ die Schrecken des Ersten Weltkrieges in die Wohnzimmer der Gesellschaft brachte; ein Buch, das gerade heute – vor dem ungeheuerlichen Krieg in Afghanistan – seine aufrüttelnde Botschaft nicht verloren hat.

    Deshalb hatte ich beschlossen, einen Anti-Kriegsroman mit dem Hintergrund „Afghanistan“ zu schreiben.
    Diese Woche kommt der Roman aus dem Druck, von dem der Verlag auf der Cover-Rückseite schreibt:
    Jenseits von Deutschland

    Dieser Anti-Kriegsroman gewährt im Stile von
    Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ einen Einblick
    in das Seelenleben von Soldaten, die an einem bewaffneten
    Auslandseinsatz teilnehmen. George Tenner gelingt es dabei,
    für sich und den Leser die Frage eindeutig zu beantworten,
    ob es sich bei Deutschlands Bemühen im Zuge des ISAF-Einsatzes,
    der eigentlich eine Sicherheits- und Aufbaumission sein sollte,
    um einen Krieg handelt oder nicht. Heraus kommt dabei
    ein ergreifendes Plädoyer für den Pazifismus und eine mitunter
    erschütternde Anklage an die Politik.

    Leider war mir zu spät eingefallen, Herrn Timmermann-Levanas um ein Vor- oder Nachwort zu bitten und die drei Tage, die Zeit dafür gewesen wären, haben ihm verständlicherweise leider nicht ausgereicht.
    Aber ich hoffe, mit meinem Beitrag nachhaltig auf die bedauerlichen, von der Politik herbeigeführten unhaltbaren Zustände hinzuweisen und verstehe mein Buch als Ergänzung der Sachbücher, die in der Regel leider nur bei den wenigsten Romanlesern Beachtung finden.

    George Tenner

    9. März 2011 at 08:50


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