Terror-Blog

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Die Kämpfer schimpfen auf die Lagerbürokraten

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In der Bundeswehr wächst die Kluft zwischen Soldaten, die gegen Aufständische kämpfen, und jenen, die kaum die Feldlager verlassen.

Von Hauke Friederichs, Kundus

Der Koch klatscht mit einem großen Metallheber frittierten Seelachs auf einen Teller. Sein Nebenmann kippt rote Tomatensauce darüber und reicht den Teller einem wartenden Soldaten. Im neuen Küchengebäude im Feldlager Kundus in Nordafghanistan steht an diesem Abend Gulasch oder Fisch zur Wahl.

„Bitteschön, der Herr“, flötet einer der Köche dem Oberstabsgefreiten übertrieben freundlich hinterher. Er trägt ein makelloses weißes Oberteil, auf dessen Schulter die Deutschlandfahne aufgenäht ist. Der nächste Soldat in der Schlange sagt: „Ich hätte gerne dasselbe.“ Die Köche tauschen einen Blick. „Dasselbe oder das Gleiche?“, fragt einer der beiden. Der Oberstabsgefreite poltert los: „Ihr solltet lieber mal raus fahren, dann würde Euch Komikern das Scherzen vergehen!“ Er will sich kaum mehr beruhigen. „Kriegen für die Essensausgabe das gleiche Geld, wie wir fürs Kämpfen, so ein Scheiß!“ Sein Kamerad schiebt ihn langsam weiter. „Diese Lagerhanseln“, schimpft der Soldat.

Auf seiner Schulter prangt das Wappen der Task Force Kundus. So wird unter Soldaten das Ausbildungs- und Schutzbataillon genannt, das im August 2010 aufgestellt wurde. Die 750 Mann starke Task Force besteht aus Fallschirmjägern, Pionieren, Sanitätern und Aufklärern. Die Soldaten sichern über Wochen kleine Außenposten, von denen aus die Bundeswehr im Norden die von den Taliban zurückeroberte Gebiete kontrolliert. Das Leben in diesen „Combat Outposts“ ist hart. Die Soldaten leben unter Plastikplanen, nutzen selbstgebaute Duschen und haben als einzige Sanitäranlage, wenn überhaupt, ein Dixi-Klo.

Soldaten der Task Force Kundus stehen häufig in Feuergefechten mit Aufständischen. Vor allem die Fallschirm- und Gebirgsjäger kämpfen auf „Handgranaten-Wurfweite“, wie es der Kommandeur des Regionalkommandos Nord, Generalmajor Hans-Werner Fritz im ZEIT-ONLINE-Interview ausdrückte. Sie fahren über verminte Straßen und müssen jederzeit mit einem tödlichen Anschlag rechnen.

Sie schimpfen über ihre Kameraden, die immer nur im Feldlager arbeiten und den gleichen Auslandsverwendungszuschlag von 110 Euro und die gleichen Auszeichnungen bekommen. Vor allem sind sie wütend auf die „Lagerbürokraten“. So gebe es Stabsoffiziere, die Soldaten für mangelhaftes Aussehen rügten, wenn diese nach Wochen im Außenposten zurückkämen.

Die Soldaten, die gegen die Aufständischen kämpfen, ärgern sich auch über die Männer und Frauen der Einsatzwehrverwaltung, die für alle Entscheidungen komplizierte Anträge bräuchten. Die könne man draußen im Dreck einfach nicht schreiben. Ein Fallschirmjäger berichtet, wie sehr er sich über die Instandsetzung geärgert habe, als diese sein Fahrzeug nicht reparieren wollte, weil Freitag war. An diesem sogenannten Baseday haben viele Soldaten frei. „Wir hatten draußen wochenlang keinen freien Tag“, sagt der Infanterist. Und dann weigere sich der „Drinnie“, das Fahrzeug zu richten. „Drinnies“ – so nennen die Kämpfer die Soldaten, die das Lager nie verlassen.

Hochrangige Offiziere dementieren, was für Infanteristen offensichtlich ist. Dass nämlich die Truppe gespalten ist. „Alle Aufgaben sind wichtig“, sagte Generalmajor Fritz im Interview mit ZEIT ONLINE. „Auch die Logistiker müssen raus und die Leute draußen versorgen. Die Sanitäter leisten unter Feuer draußen Immenses.“ Zudem verwische der Unterschied zwischen den Soldaten, die traditionell draußen sind, wie Fallschirm- und Gebirgsjäger, und denen, die eher im Lager sind, immer mehr.

Den Kämpfern ist klar, dass sie ohne die Infrastruktur des Feldlagers aufgeschmissen wären. Viele Infanteristen sind froh, dass es die Männer in der Feldpost gibt, ohne die keine Briefe nach Haus gingen und keine Pakete in Kundus, Faisabad oder Masar-i-Scharif ankämen. Auch die Betreuungseinrichtungen Lummerland in Kundus oder im Planet Masar im Camp Marmal in Masar-i-Scharif schätzen die Soldaten ebenso, wie den „Verticker“, den Laden in Kundus.

Doch gleichzeitig ärgern sie sich über die Kameraden, die nicht anerkennen würden, dass sie eine besondere Last tragen. Manch einer verortet das Problem in der Führungsebene. Einige Soldaten, auch junge Offiziere, sagen, es sei Zeit, dass die Führungsschicht der alten Bundeswehr abtrete, und der Nachwuchs, der in Afghanistan gekämpft hat, das Ruder übernehme. Dann endlich würde den Bürokraten und Erbsenzählern der Marsch geblasen.

Die Bundeswehr hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Vor allem der Einsatz in Afghanistan hat dazu beigetragen. Doch noch tut sich die Truppe schwer damit, ihre althergebrachten Strukturen zu modernisieren. Das zeigt sich auch bei den Auszeichnungen. Als General Fritz dem scheidenden Kommandeur der Task Force Kundus kürzlich feierlich die Einsatzmedaille Bronze verlieh, sagte hinterher einer seiner Soldaten: „Der Oberstleutnant hätte mehr verdient gehabt. Diese Medaille bekommt doch jeder nach 30 Tagen im Einsatz.“

(Quelle: ZEIT ONLINE – http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-01/bundeswehr-afghanistan-feldlager )

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  1. […] Stahl setzen sich mit einem Knirschen in Bewegung. In dem Militärfahrzeug sitzen drei Soldaten des Wiederaufbauteams Kundus und ein Dolmetscher. Sie gehören zu einer Patrouille, die an einem frühen Wintermorgen in den […]


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