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Lernen vom Vietnam-Desaster

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Aus der Vergangenheit lernen: Welche Lehren die US-Armee aus der misslungenen Aufstandsbekämpfung im Vietnam-Krieg ziehen will.

Von Hauke Friederichs, Hanoi

Die Spuren des Vietnam-Krieges sind noch zu sehen, sagt der deutsche Entwicklungshelfer. Nicht mehr in den großen Städten Hanoi oder Ho-Chi-Minh-Stadt, das vor dem Krieg noch Saigon hieß. Aber noch immer, 35 Jahre nach dem Ende der Kampfhandlungen, würden Kinder auf dem Land missgebildet zur Welt kommen. Grundwasser und Böden seien in manchem Gebiet immer noch von chemischen Waffen wie Agent Orange verseucht, die amerikanische Hubschrauber zur Entlaubung versprühten.

Der Krieg hat Vietnam gezeichnet. In der Gesellschaft, die nach vorne strebt, wo die Menschen kämpfen, damit es ihnen und ihren Kindern einmal besser geht, wird kaum über die Vergangenheit gesprochen. „Der Krieg ist in Vietnam nicht aufgearbeitet“, sagt ein Deutscher, der seit Jahren in Hanoi lebt. In Amerika hingegen haben Offiziere ihre Schlüsse aus dem Krieg gezogen. Der aktuelle Befehlshaber der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf), General David Petraeus, hat seine Doktorarbeit über die Lehren aus Vietnam an der renommierten Universität Princeton geschrieben. 2006 erschien ein neues Feldhandbuch der US-Army (Heer) und der Marines (Marineinfanterie) von Petraeus und anderen Autoren zu dem Thema.

An den Militärschulen gehört die Aufstandsbekämpfung längst wieder zum Lehrplan. Lernen sollen die jungen Offiziere vor allem aus dem Kampf gegen den Vietcong – aus den Fehlern, die damals gemacht wurden. Eine Studie von Colonel Harry Summers Junior, der im Gegensatz zu Petraeus selber in Vietnam kämpfte, gehört mittlerweile zum Standardwerk: American Strategy in Vietnam. A Critical Analysis erschien erstmals 1981 und wurde mehrfach neu aufgelegt, zuletzt im Jahr 2007.

Summers beschäftigte die Frage, wie dieser Krieg verloren werden konnte. Er beginnt seine Analyse mit einem Gesprächsauszug: „Sie wissen, dass Sie uns nie auf dem Schlachtfeld geschlagen haben“, sagte Summers im April 1975 zu einem vietnamesischen Offizier. „Das kann so sein“, antwortet dieser, „doch das ist doch irrelevant.“

Der Amerikaner gibt dem Vietnamesen Recht. Summers schildert eine Anekdote, die in den siebziger Jahren unter Militärs die Runde machte: Statistiker des Pentagon hätten die Anzahl der Soldaten, der Flugzeuge, Panzer und Kriegsschiffe der USA und der Nordvietnamesen in einen Computer eingegeben – dazu die Bevölkerungsgröße, Wirtschaftswachstum und industrielle Produktion. Dann fragten sie den Computer: „Wann werden wir gewinnen.“ Die Maschine brauchte nur einen Moment, um zu antworten: „Sie haben bereits 1964 gewonnen.“ In diesem Jahr begann der Vietnamkrieg aus amerikanischer Sicht, als ein US-Zerstörer im Golf von Tonkin beschossen wurde. Elf Jahre später zeigte sich, dass weder die Zahl der Soldaten, noch der Flugzeuge für den Sieg entscheidend waren.

Fast eine Million amerikanische Soldaten waren zum Höhepunkt des Krieges in Vietnam im Einsatz. Die amerikanische Armee war ihrem Gegner, dem Vietcong, militärisch in allen Bereichen überlegen. US-Kampfjets griffen nahezu unbehelligt Ziele in Nordvietnam, Kambodscha und Laos an – der Himmel gehörte den Amerikanern. Und doch verloren die US-Truppen in Vietnam. Ein Trauma für die Supermacht. Seitdem wurde Vietnam zum stehenden Begriff: Die Russen erlebten ihr Vietnam in Afghanistan, hieß es. Die USA standen im Irak kurz vor ihrem zweiten Vietnam, schrieben viele Publizisten. Und auch der Kampf gegen den Terror in Afghanistan wird mit der Niederlage von Vietnam verglichen.

Bestehen tatsächlich Parallelen zwischen den Kriegen im Dschungel und am Hindukusch? In beiden Kriegen kämpfen reguläre Soldaten gegen Aufständische, die in der Regel offene Schlachten meiden und sich unter der Bevölkerung verstecken. Und in beiden Konflikten nutzen die Gegner Rückzugsräume in Nachbarländern. Der Vietcong floh vor den amerikanischen Truppen nach Nordvietnam. Die USA schickten keine Divisionen in den sozialistischen Norden, weil sie eine Kriegsbeteiligung Chinas befürchteten. Und am Hindukusch sieht die Lage ähnlich aus: Die Taliban nutzen Pakistan als Rückzugsgebiet. Das amerikanische Militär und der Auslandsgeheimdienst CIA setzen Drohnen ein, um Aufständische und Terroristen in Pakistan zu liquidieren. Dennoch sickern immer wieder Kämpfer über die Grenze ein. Nicht nur deswegen sagen hohe Offiziere, dass der Krieg nicht militärisch gewonnen werden könne. Das ist eine der wichtigsten Lehren aus Vietnam.

(…)

(Mehr auf ZEIT ONLINE)

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2 Antworten

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  1. […] ist fatal für die Isaf. Denn deren Kommandeur, David Petraeus, setzt auf das Partnering. Das bedeutet, dass internationale Infanterieeinheiten mit den afghanischen Sicherheitskräften […]

  2. […] John R. Allen hat das Kommando über die Internationale Schutztruppe (Isaf) übernommen. Er löst General David Petraeus ab, der in wenigen Tagen die Leitung des US-Geheimdienstes CIA übernehmen […]


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