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Die Wahrheit stirbt auch auf der Leinwand

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Atombunker für Heimwerker, versehrte Veteranen, die sich zusammenreißen sollen: Das Dokumentarfestival Leipzig widmet sich den Kriegsfilmen – nicht nur historischen.

Von Hauke Friederichs

Das Mädchen schaut scheu in die Kamera. Ihr kleiner Körper ist ausgemergelt, jede Rippe ist zu sehen. Sie hat Hunger und Tuberkulose. Das Mädchen, von deutschen Filmemachern im Auftrag des Auswärtigen Amtes als Opfer der brutalen britischen Seeblockade präsentiert, sei wenige Wochen nach den Aufnahmen gestorben. Der Film kam 1921 in die Kinos, er ist schwarz-weiß und stumm. Ein Propagandafilm, der Deutsche ausschließlich als Opfer der Alliierten darstellt. Er sollte auch im Ausland laufen.

Die deutsche Regierung versuchte früh, die Kriegsschuld zu relativieren. Die Aufnahmen entstanden 1919. Weil die erste Filmversion, die einem medizinischen Lehrfilm gleicht, dem Auswärtigen Amt zu wenig effektvoll erschien, wurde die Ufa beauftragt, den Streifen emotionaler zu machen. Doch die Bilder bleiben erschreckend: entzündete Wunden, deformierte Körper voller Läuse und Milben.

Für die Retrospektive Regie und Regiment, die auf dem Dokumentarfilmfest Leipzig läuft, haben Mitarbeiter des Filmarchivs/Bundesarchivs gemeinsam mit dem Militärhistoriker Jan Kindler 35 Filme aus den Regalen geholt. Sie behandeln einen Zeitraum von 1914 bis 1989, beschäftigen sich mit der Armee des Kaiserreichs, der Wehrmacht, der Nationalen Volksarmee und der Bundeswehr.

Gerade die älteren Filme zeigen radikale und rücksichtslose Aufnahmen – wie die Bilder der Hungernden und ihrer Krankheiten. „Ich weiß, dass wir Ihnen Bilder zugemutet haben, die schwer auszuhalten sind“, sagt Barbara Heinrich-Polte vom Bundesarchiv zu den Zuschauern in der Diskussion. Damals, während des großen Sterbens, liefen solche Bilder jedoch nie: Soldaten und Bevölkerung sollten nicht demoralisiert werden.

Während der Kriege wurde vor allem Propaganda produziert. Und in den Methoden der Verklärung ähnelten sich viele der Filme, sagt Heinrich-Polte. Die Archivarin und ihre Kollegen haben Material ausgesucht, dass der Zuschauer mit zwei Fragen im Hinterkopf sehen soll: Sollte man den Bildern trauen? Wer steht dahinter?

Die cineastischen Zeitdokumente sind unbequem, erzwingen eine Auseinandersetzung mit den dunkelsten Momenten der deutschen Geschichte. Die Filme wurden meist zur Glorifizierung des Soldatentums, der Verherrlichung des Krieges oder zur Bejubelung der Rüstungsindustrie gedreht – doch die Zusammenstellung der Organisatoren verhindert, dass das Militärische verklärt wird.

Das hatte so mancher in Leipzig befürchtet. Und deswegen wären die Propagandastreifen der Nazis, die Lehrfilme der Armeen der BRD und DDR und die historischen Dokumentarwerke beinahe nicht in Leipzig gelaufen. Die Festivalleitung befürchtete eine Instrumentalisierung durch die Bundeswehr. Die Organisatoren irritierte zudem das Plakat der Retrospektive, das einen alten Stahlhelm zeigt. Neben dem Symbol des DOK Leipzig, einer Friedenstaube, wirke das seltsam, sagen Mitarbeiter. Die Forderung wurde laut, dass mit der Bundeswehr nicht kooperiert werden dürfe. Das Bundesfilmarchiv habe ohne Wissen des Festivals mit den Filmexperten des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden zusammengearbeitet, hieß ein Vorwurf. Bis in die politische Spitze des Verteidigungsministeriums soll der Streit gedrungen sein. Am Ende einigten sich die Parteien, Regime und Regiment läuft neben dem Filmfest.

(…)

(Mehr auf ZEIT ONLINE)

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