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Aufständische greifen in Afghanistan immer häufiger an

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Fahne der Isaf

Fahne der Isaf

Mit dem Fernglas in der Hand steht Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in Baghlan, einer der unruhigsten Provinzen im Norden Afghanistans. Er stehe fünf Kilometer entfernt von der Front, berichtet der Radiosender NDR Info.

Doch eine feste Front gibt es am Hindukusch nicht – wo der Gegner ist, das kann keiner so genau sagen. Vor sechs Wochen wollte Guttenberg bereits die Stellung der Bundeswehr in Baghlan besuchen, in der er nun steht. Doch die Sicherheitslage ließ es nicht zu. Die Soldaten der Quick Reaction Force, der schnellen Eingreiftruppe deren Auflösung längst beschlossen ist, standen damals im Feuergefecht mit Taliban. Ein Hubschrauber mit Guttenberg an Bord musste umdrehen.

Auch diesmal ist der Truppenbesuch nicht ungefährlich: Im Norden werden die Aufständischen stetig stärker. „Kopfschusszone“ nennen die Soldaten die Gegend um die Stellung herum, die der Minister besucht, berichtet NDR Info. Als die Bundeswehr die Verantwortung für den Norden übernahm, galt der Norden noch als ruhig und sicher.

Die Isaf unter Führung von David Petraeus will nun unbedingt die Kehrtwende schaffen. Der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) hat seine Soldaten aufgefordert, mit aller Härte gegen die Aufständischen vorzugehen. „Gemeinsam mit unseren afghanischen Partnern rammt eure Zähne in das Fleisch der Aufständischen und lasst nicht mehr los“, schrieb er in einer Leitlinie. Die Strategie der Aufstandsbekämpfung wird angepasst: Der Feind soll wieder stärker militärisch bekämpft werden. Gleichzeitig fordert Petraeus aber auch, das Partnering mit den afghanischen Sicherheitskräften zu verbessern und die Zivilbevölkerung stärker zu schützen.

Grund für die neue Leitlinie ist, dass die Anschläge, Überfälle und Attentate von Taliban und anderen Aufständischen gegen die Isaf erneut zugenommen haben. Der Juni 2010 war mit mehr als 100 getöteten Isaf-Soldaten der bislang blutigste Monat für die Schutztruppe. Wie sehr sich die Sicherheitslage im Norden verschlechtert, zeigt die Auflistung des ehemaligen Bundestagsabgeordnete der Grünen Winfried Nachtwei. Er hat eine seine umfassende und wichtige Sammlung der „Sicherheitsvorfälle Afghanistan“ aktualisiert.

Allein im Juni gab es landesweit 1.309 direkte Angriffe durch regierungsfeindliche Kräfte – 2006 waren es im gesamten Jahr nicht einmal halb so viele (nach Nachtweis Zählung 2006: 560; 2007: 3641; 2008: 5.346; 2009: 10.333). Im zweiten Quartal 2010 stieg die Zahl der Attacken im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 51 Prozent – 5.350 Angriffe zeigen, wie gravierend die Sicherheitslage ist.

Seit 2007 erstellt Nachtwei diese „Chronik“. Begonnen hatte er damit, weil er sich von der Regierung nicht ausreichend informiert fühlte: „Folge dieser Halb- und Viertelinformation war lange Beschönigung – und damit Realitäts- und Glaubwürdigkeitsverlust“, schreibt Nachweit. Er selbst bezeichnet sein Material als „Horrorsammlung von lauter schlimmsten Nachrichten“ – warnt aber auch, dass sie nicht die ganze afghanische Wirklichkeit widerspiegeln.

Die Zahlen des Afghanistan-Experte belegen dennoch eindeutig, wie stark die Isaf unter militärischen Druck der Aufständischen steht. So nahm im ersten Quartal 2010 die Zahl der IED-Anschläge im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 94 Prozent zu. IEDs, selbstgebastelte Sprengfallen, vergraben die Aufständischen unter der Fahrbahndecke oder am Straßenrand. Die Sprengstoffmengen reichen mittlerweile, um leicht gepanzerte Fahrzeuge wie den Dingo der Bundeswehr schwer zu beschädigen.

Auch der Schutz der Zivilbevölkerung habe sich verschlechtert, schreibt Nachtwei. Die Aufständischen verübten mehr Anschläge auf Politiker, Bürgermeister, Mitarbeiter der Regierung und privaten Entwicklungsorganisationen.

Die Zahl der kämpfenden Aufständischen liegt in ganz Afghanistan weiterhin bei zwischen 20.000 und 30.000. Obwohl die Truppenzahl der Isaf dank der immensen amerikanischen Truppenaufstockung deutlich gestiegen ist, hat der sogenannte Surge bisher nur wenig gebracht. Dennoch spricht Außenminister Guido Westerwelle weiterhin von einer großflächigen Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen. Er verweist darauf, dass der Norden mit Ausnahme einiger Distrikte sicher sei.

Bei Nachtwei liest sich das anders: Von den 123 Distrikten im Norden galten im ersten Halbjahr 2010 acht als hochkritisch – oder bereits von den Taliban kontrolliert. Dass die Soldaten der Isaf und der ANA oder die Zivilbevölkerung in den anderen 115 Distrikten sicher wären, ist allerdings ein Trugschluss: In der Provinz Kundus haben im ersten Quartal die Angriffe der Aufständischen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 134 Prozent zugenommen, in Baghlan um 122, in Balkh um 295 Prozent und in Faryab um 145 Prozent. Lediglich in der Provinz Badakhshan sank die Zahl der Attacken um 4,4 Prozent.

Dass General Petraeus die Abzugspläne seines Präsidenten bei all diesen schlechten Zahlen für unrealistisch hält – wer will es ihm verdenken. Dennoch werden die USA im kommenden Jahr mit dem Abzug beginnen. Am Beispiel Irak zeigt sich, dass Amerika seine Exit-Pläne durchzieht – auch wenn die Sicherheitslage prekär ist. Dass die Welt mit dem War on Terror sicherer geworden ist – das kann man wirklich nicht sagen.

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4 Antworten

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  1. Mein Mann ist zur Zeit auch in Kundus.
    Wir als Familie finden das nicht gut,weil an alle
    gedacht wird ausser an die Angehörigen.
    Ich finde die Soldaten sollten nicht länger als
    3-4 Monate im Einsatz sein. Dann sollten andere
    Truppen sie abläösen. So sinkt die Zahl der Gefahr
    für jeden einzelnen Soldaten. Und auch die Familien und Kinden könnten so mehr hinter diesem Einsatz ihrer
    Männer stehen. 6 Monate ist jedoch viel zu lang.
    Der Einsatz ist meiner Meinung nach nur sinnvoll, wenn auch was erreicht wird, zu dieser Zeit zeigt sich das jedoch nicht.

    Sabine Winkler

    21. September 2010 at 22:00

  2. […] tatsächlich Parallelen zwischen den Kriegen im Dschungel und am Hindukusch? In beiden Kriegen kämpfen reguläre Soldaten gegen Aufständische, die in der Regel offene […]

  3. […] rund 4.500 deutschen noch 5.000 amerikanische Soldaten operieren, gelingt es der Isaf nicht, die Aufständischen entscheidend zu schwächen. Die SWP-Experten analysieren die Stärken der Taliban und der anderen Gegner des Wiederaufbaus: […]

  4. […] Soldaten ihr Leben in Afghanistan gelassen wie 2010. Sie wurden Opfer von Heckenschützen, Sprengfallen und Selbstmordattentätern, sie starben beim Beschuss mit Mörsergranaten, Raketen und […]


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