Terror-Blog

Vernetzte Sicherheit, Steitkräfte, Internationale Politik

Archiv für die Kategorie ‘PTBS

Der Krieg im Kopf

with one comment

Das Land schickt seine Soldaten in gefährliche Einsätze. Aber was tut es für sie, wenn sie Hilfe brauchen? Robert Sedlatzek-Müller kehrte traumatisiert aus Afghanistan heim. Lange kämpfte er um seine Versorgung und erstritt ein neues Gesetz. Teil 3:

Von Hauke Friederichs

Der Fallschirmjäger Robert Sedlatzek-Müller und sein Diensthund Idor in Afghanistan

Der Fallschirmjäger Robert Sedlatzek-Müller und sein Diensthund Idor in Afghanistan

Sedlatzek-Müller dachte noch, die Entschärfer seien verrückt, so auf die Rakete einzudreschen. Dann war um ihn herum nur noch grelles Licht und Schmerz. Die Rakete explodierte, die Druckwelle riss ihn um, zerfetzte sein Trommelfell. Verletzt lag Sedlatzek-Müller auf dem Boden. Neben ihm kämpften Sanitäter um das Leben eines Schwerstverletzten. Dessen Bauchdecke war aufgerissen, seine Gedärme waren zu sehen. Solche Bilder haben sich in Sedlatzek-Müllers Gedächtnis eingebrannt. Drei dänische und zwei deutsche Soldaten starben damals.

Worte wie Fürsorge, Verpflichtung, Solidarität hat Sedlatzek-Müller oft gehört, seitdem ihn die Bundeswehrärzte wieder zusammengeflickt hatten. Die Wunden heilten, die Narben werden irgendwann verblassen, sagte sich Sedlatzek-Müller. Er wollte zurück nach Afghanistan zu seinen Kameraden und zum Diensthund. 2003 und 2005 brach er erneut nach Kabul auf.

Den Rest des Beitrags lesen »

Der Kampf des Sedatzek-Müller

leave a comment »

Das Land schickt seine Soldaten in gefährliche Einsätze. Aber was tut es für sie, wenn sie Hilfe brauchen? Robert Sedlatzek-Müller kehrte traumatisiert aus Afghanistan heim. Lange kämpfte er um seine Versorgung und erstritt ein neues Gesetz. Teil 2:

Von Hauke Friederichs

Dass Sedlatzek-Müller den Kampf überhaupt hat aufnehmen müssen, sagt viel über das Verhältnis der Deutschen zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Die Soldaten werden in gefährliche Einsätze geschickt. Sie sollen ihre Instinkte und persönlichen Bedürfnisse unterdrücken. Man soll sich auf sie verlassen können. Aber was tut der Staat für seine Soldaten, wenn sie Hilfe benötigen? Worauf können sie sich verlassen?

Bislang vor allem auf einen Stichtag. Der soll mit dem neuen Gesetz wegfallen. Für Fallschirmjäger Sedlatzek-Müller könnte das eine Wiedereinstellung bei der Armee bedeuten. Er bekäme wieder Sold, kostenlose medizinische Versorgung und die Chance für einen Neuanfang.

Zügig fährt er durch Berlin, seine Mitstreiter fragen am Telefon, wo er bleibt. Die Veteranen sind aufgeregt, sechs von ihnen dürfen auf die Zuschauertribüne, Sedlatzek-Müller hat die Besucherkarten besorgt. Vor dem Nordeingang des Reichstagsgebäudes warten Kamerateams. Die Tagesschau wird über ihn berichten, der Bayerische Rundfunk dreht eine Dokumentation. Er hat dem Kampf der Veteranen ein Gesicht gegeben. Der frühere Soldat hat den Journalisten erzählt, dass er oft nur mit Alkohol einschlafen könne, dass er an Selbstmord gedacht habe. „Ich habe die Privatsphäre aufgegeben, aber ohne Öffentlichkeit geht es nicht“, sagt er. Erst nach kritischen Medienberichten über das Leid der kranken Veteranen habe die Politik reagiert.

Noch streiten unten im Plenarsaal die Finanz- und Wirtschaftspolitiker über Währungsfragen. Sedlatzek-Müller hört ihnen nicht zu von der Zuschauertribüne aus. Unter seinen Augen zeichnen sich dunkle Ringe ab, Male der Schlaflosigkeit. Dann zeigt eine Tafel Top 31 an: „Versorgung bei besonderen Auslandsverwendungen“. Der erste Redner geht zum Pult. „Jetzt geht es los“, flüstert Sedlatzek-Müller, beugt sich vor und legt die gefalteten Hände in seinen Schoß.

Henning Otte von der CDU spricht über die Lücken in den Gesetzen, sagt, dass der neue Slogan des Verteidigungsministeriums „Wir dienen Deutschland“ keine Einbahnstraße sein dürfe, dass Deutschland seinen Soldaten etwas schuldig sei. Sedlatzek-Müller atmet laut aus. Was der Politiker unten im Plenarsaal umreißt, hat er selber erfahren.

Das Einsatzweiterverwendungsgesetz aus dem Jahr 2007 legte fest, dass im Dienst versehrte Soldaten nicht aus der Bundeswehr entlassen werden dürfen, wenn sie einen Grad der Wehrdienstbeschädigung von 50 Prozent oder mehr aufweisen. Sedlatzek-Müller bescheinigten die Ärzte 40 Prozent. Obwohl er sich wegen einer psychischen Erkrankung, Tinnitus und seiner Nesselsucht nicht mehr konzentrieren konnte, er aggressiv und depressiv wurde, ihm die Kontrolle über sein Leben entglitt.

Noch heute streitet er mit der Bundeswehr über die Schwere seiner Erkrankung. Gutachten und Gegengutachten werden erstellt. Ständig untersuchen ihn Ärzte, die er nie zuvor gesehen hat. Vergangenes Jahr entließ ihn die Bundeswehr dann, krank, ohne abgeschlossene Therapie. Er fühlt sich verraten.

Nun blickt Sedlatzek-Müller auf leere blaue Stühle. Viele Parlamentarier sind am Freitagmittag schon in ihre Wahlkreise aufgebrochen. Sieben Abgeordnete der Linkspartei harren im Plenarsaal aus, sechs der SPD, vier der Grünen, 20 der Union und acht der FDP. 45 Parlamentarier von 620, ein wenig mehr Interesse hätte Sedlatzek-Müller sich gewünscht. Er schaut wieder zum Redner. „Wir stehen hinter unseren Soldaten“, sagt Otte und macht das Pult frei für Lars Klingbeil von der SPD. „Das ist heute ein guter Tag“, sagt der Sozialdemokrat. Es sei ein langer Weg gewesen, bis nun das neue Gesetz verabschiedet werden könne.

Es sind Sätze, wie sie Politiker sagen. Zugleich engagiert und nüchtern. Jahrelang haben Sedlatzek-Müller und seine Mitstreiter für solche Sätze gekämpft. Mit anderen Betroffenen gründete er die Selbsthilfeorganisationen Deutsche Kriegsopferfürsorge und den Bund Deutscher Veteranen (BDV). Aber wie viel von dem, was sie erlebt haben, passt in einen Politikersatz? Nun scheint Müller-Sedlatzek mehr in sich hineinzublicken als zuzuhören. Vor allem, als Elke Hoff von den Liberalen den Fall eines traumatisierten Soldaten schildert, der nicht mehr in Supermärkten einkaufen kann, weil er den Anblick von rohem Fleisch nicht erträgt.

Sedlatzek-Müller hat selbst schon zu viel Blut, zu viele Wunden gesehen. Am 6. März 2002 fuhr er mit dem Freund vom Camp Warehouse, dem Feldlager in Kabul, zum Stadtrand. Sprengmeister der Bundeswehr sollten dort eine Rakete entschärfen. Der Fallschirmjäger wollte zusehen und prüfen, ob er am Entschärfungsplatz mit seinem Diensthund Idor trainieren könnte, den er zur Sprengstoffsuche abrichtete. In einer Grube schlug ein Sprengmeister mit Hammer und Meißel auf die Rakete ein.

(…)

(Lesen Sie morgen den dritten und letzten Teil)

(Quelle: Der Tagesspiegel, 1. November 2011, Seite 3. Online finden Sie den Text hier)

 

Veteran erstreitet Hilfe für verwundete Soldaten

leave a comment »

Das Land schickt seine Soldaten in gefährliche Einsätze. Aber was tut es für sie, wenn sie Hilfe brauchen? Robert Sedlatzek-Müller kehrte traumatisiert aus Afghanistan heim. Lange kämpfte er um seine Versorgung und erstritt ein neues Gesetz.

Von Hauke Friederichs

Die Straßen sind noch leer, um kurz nach sechs Uhr morgens. Sie kommen gut voran, die zwei Männer in ihrem Auto, beide trinken Kaffee, den sie in einer Hamburger Bäckerei gekauft haben. Tief schwarz und mit viel Zucker, wie immer.

Auf der Autobahn 24 passieren sie Ludwigslust, Herzsprung, Kremmen. Das Navigationsgerät zeigt die Route an, Sedlatzek-Müller schaut selten darauf, die Strecke nach Berlin kennt er mittlerweile auswendig, so oft war er in den vergangenen Monaten in der Hauptstadt, bei parlamentarischen Abenden, Debatten im Bundestag und Gesprächen im Verteidigungsministerium.

Den Rest des Beitrags lesen »

Verwundet, traumatisiert, verzweifelt

with one comment

Ein ehemaliger Fallschirmjäger kämpft nach einer Verletzung im Einsatz um eine bessere Versorgung

Von Hauke Friederichs

Berlin – Das Boot tuckert vorbei an weißen Villen, an Yachthäfen und Restaurants am Elbstrand, alles wirkt friedlich, doch Robert Sedlatzek-Müller kommt nicht zur Ruhe. Er lehnt an der Reling des weißen Ausflugsschiffs, das in Richtung Hamburg fährt, und schaut auf das Wasser. Er hat für den Bund Deutscher Veteranen, einer Organisation für ehemalige Einsatzsoldaten der Bundeswehr, einen Bootsausflug auf der Elbe organisiert. Fallschirmjäger aus Seedorf, die in Afghanistan mehrfach in schwere Feuergefechte verwickelt waren und einige Verluste zu beklagen haben, sollen ein paar Stunden entspannen.

Den Rest des Beitrags lesen »

Gefangen in der Kriegsfilm-Endlosschleife

with one comment

Der traumatisierte Afghanistan-Veteran Robert Sedlatzek-Müller ringt mit der Bundeswehr um den Grad seiner Wehrbeschädigung. Im Mai wird er Vater, im Juni arbeitslos.

Die Arme zittern, die Finger brennen. Doch Robert Sedlatzek-Müller ignoriert den Schmerz, er wirft einen Arm nach oben, hangelt nach dem nächsten Griff, packt zu, findet Halt. Dann zieht sich weiter in die Höhe. Sein ausgemergelter Körper klebt in fünf Metern Höhe an einer Kletterwand. Von unter sichert ihn der beste Freund mit einem Seil gegen den freien Fall.

Solch ein Seil vermisst Sedlatzek-Müller in seinem Leben. Der Bundeswehr-Veteran, der in Afghanistan und im Kosovo gedient hat, leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Die Kriegserlebnisse lassen ihn nicht los. In seinem Kopf mischen sich Bilder vom Kampf gegen die UCK auf dem Balkan, vom Verirren im Minenfeld, von der verzweifelten Suche nach einer Geisel mit der Erinnerung an die Raketenexplosion bei Kabul. Sie zerfetzte Sedlatzek-Müllers Trommelfelle, tötete vier seiner Kameraden und änderte das Leben des Elite-Soldaten radikal. In seinen Träumen in der Nacht und den Flashbacks am Tag, läuft ein ganz privater Kriegsfilm in Endlosschleife.

In wenigen Wochen endet seine Ausbildung zum Erzieher, die er an einer Fachschule der Bundeswehr in Hamburg absolviert. Ob er die Abschlussprüfung besteht, weiß Sedlatzek-Müller noch nicht. Seine PTBS bringt eine Konzentrationsschwäche mit sich, das Lernen fällt dem früheren Unteroffizier der Fallschirmjägertruppe schwer. Wenn er ein Fachbuch lesen muss, beginnt er immer wieder beim ersten Satz.

Besonders schlimm wird es, wenn die Medien über Anschläge in Afghanistan berichten. Die Toten und Verletzten, die die Bundeswehr in den vergangenen Wochen in Afghanistan zu beklagen hat, werfen ihn immer wieder aus der Bahn. Düstere Tage sind das, an denen Sedlatzek-Müller mit der Welt, mit dem Leben fremdelt.

Ein Freund und Kamerad von den Fallschirmjägern liegt schwer verletzt in einem Bundeswehrkrankenhaus. Die Explosion einer Sprengfalle zerfetzte seinen Arm. Sedlatzek-Müller besucht ihn oft. Er weiß, wie der Freund sich fühlt. Er selbst wurde 2002 schwer verletzt mit einem Airbus der Luftwaffe aus Afghanistan ausgeflogen. Nach der Landung am Flughafen Köln-Wahn versprach der damalige Verteidigungsminister den Verwundeten unbürokratische Hilfe. Darauf wartet Sedlatzek-Müller bis heute. Ende Mai endet seine Zeit bei der Bundeswehr endgültig. Untherapiert, krank und von der Armee alleingelassen steht er in der nächsten Runde beim Schattenboxen gegen die Behörden.

Beim Klettern, beim Laufen mit seinem alten Diensthund Idor oder beim Bogenschießen versucht er Ruhe zu finden und Frust und Stress zu vergessen. Manchmal zerreißt es Sedlatzek-Müller fast, wenn ihn wieder dieser zügellose Zorn zu packen droht, er vor seiner hochschwangeren Frau aber nicht ausrasten will. Nicht immer gelingt ihm das, zu häufig waren die Rückschläge in den vergangenen Wochen.

Für ihn und andere Veteranen kämpfen die Deutsche Kriegsopferfürsorge und der Bund Deutscher Veteranen. Ohne die Hilfe der Mitglieder untereinander, die, wenn es nötig ist, ins Auto springen und Hunderte Kilometer fahren, um sich beizustehen, hätte Sedlatzek-Müller wohl schon aufgegeben. Dabei sah es vor wenigen Wochen noch ganz gut aus: Der Bundestag brachte ein Gesetz auf den Weg, das die Situation von versehrten Veteranen verbessern sollte. Sedlatzek-Müller saß auf der Zuschauertribüne im Reichstagsgebäude, als die Parlamentarier darüber diskutierten. Doch mittlerweile scheint das Verteidigungsministerium nicht alle Punkte umsetzen zu wollen. Vor allem die Herabsetzung der Wehrbeschädigung von 50 auf 30 Prozent als Messlatte für eine bessere staatliche Versorgung finden die Beamten kritisch. 

(…)

(Den ganzen Artikel finden Sie auf ZEIT ONLINE: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-03/veteran-afghanistan-ptbs)

Alleingelassen mit dem Krieg

with one comment

Fast 300.000 deutsche Soldaten schickte die Bundeswehr bisher in Auslandseinsätze. Die Veteranen klagen über fehlende Betreuung und Unterstützung.

Von Hauke Friederichs

Der junge Soldat kehrt heim aus dem Krieg. Er kommt zurück, doch im Frieden nicht an. Er bleibt ein Fremdkörper. Der fiktive Fall, veröffentlicht im Jahr 1947, könnte heute spielen. Der Schriftsteller Wolfgang Borchert hat in seinem Drama Draußen vor der Tür das Leid eines Veteranen geschildert, der mit zerschundenem Körper und versehrter Seele in das Nachkriegsdeutschland heimkehrt. Für manchen Soldaten der Bundeswehr, der heute aus Afghanistan wiederkehrt, schildert Borchert keine mehr als 60 Jahre zurückliegende Geschichte, sondern das eigene Schicksal.

Draußen vor der Tür wählte die Evangelische Akademie in Bad Boll als Überschrift für eine Konferenz über die Lage von ehemaligen Soldaten nach dem Auslandseinsatz.

“Wir Soldaten werden von der Politik losgeschickt, um die Kartoffeln aus dem Feuer zu holen”, sagt ein Veteran auf der Tagung. “Doch wenn wir wiederkommen und berichten, die Kartoffeln sind gerettet, aber die Hand ist verbrannt, dann werden wir entlassen und müssen selber sehen, wie wir zurechtkommen.” Die Soldaten, von denen er spricht, haben in Afghanistan, Somalia, Kosovo und Bosnien gedient. Sie haben Dinge erlebt, über die in Deutschland kaum jemand etwas weiß. Viele von ihnen ringen mit dem Staat, der sie in die Einsätze schickt, um Entschädigung, eine Therapie und vor allem um Anerkennung.

Besonders schwer haben es die Zeitsoldaten, deren Dienst häufig nach einem Auslandseinsatz endet. Sie sollen sich eine zivile Existenz aufbauen, doch der Krieg in Afghanistan lässt sie nicht los. Längst nicht nur die Soldaten, die wegen des Erlebten krank werden und an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, haben Probleme, sich wieder an das normale Leben in Deutschland anzupassen. Freunde, Bekannte, Verwandte verstehen nicht, was die Soldaten in Masar-i-Scharif, Kundus oder Faisabad erlebt haben. “Menschen verlassen das Land und kehren zurück mit Erfahrungen, die auf extreme Weise anders sind, als die ihrer zurückgebliebenen Mitmenschen”, schrieb der amerikanische Psychiater Jonathan Shay bereits 1987 über die Vietnamveteranen.

In Deutschland hat man das Problem jahrelang nicht wahrgenommen. Oder wahrnehmen wollen. Erstmals schickte der Bundestag 1993 Kampftruppen ins Ausland, nach Somalia. Dann folgten die robusten Einsätze auf dem Balkan. Schon damals erlitten zahlreiche Soldaten Traumata, doch nur wenige in der Truppe erkannten dies. Einer von ihnen war der Oberstarzt Reinhard Erös. Er hatte während der sowjetischen Invasion in Afghanistan jahrelangen unbezahlten Urlaub genommen, um unter dem Schutz der Mudschahedin die Menschen medizinisch zu versorgen. Er erlitt selber ein Trauma und weiß, was das für Soldaten bedeutet. Gemeinsam mit anderen Ärzten, Psychologen, Psychiatern und Seelsorgern versuchte er damals, die Bundeswehr dazu zu bringen, Traumatologen ausbilden zu lassen. Doch vor 20 Jahren wollten die Verantwortlichen davon nichts wissen. “Die Bundeswehr ist heute Schlusslicht bei der PTBS-Betreuung”, schimpft Erös.

Tatsächlich sind die deutschen Streitkräfte, deren Umbau zur Einsatzarmee voranschreitet, auf die Folgen der Auslandsmissionen noch nicht wirklich eingestellt. Es dauerte fast 18 Jahre, bis die Bundeswehr nach dem ersten robusten Auslandseinsatz ein Traumazentrum aufbaute – obwohl bekannt war, dass bei der US-Armee bis zu 30 Prozent der Soldaten im Auslandseinsatz an PTBS erkranken. Dort sind die Veteranen organisiert und machten nach dem Vietnamkrieg Druck auf die Politik.

Die Veteranen der Bundeswehr hatten in Deutschland lange kein eigenes Forum. Erst im vergangenen Jahr entstanden zwei Interessenvertretungen: Eine von ihnen, der Bund Deutscher Veteranen, war auf der Tagung in Bad Boll mit rund 30 Mitgliedern vertreten. “Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg hört unsere Definition von Veteranen auf”, sagte der Vorsitzende, Andreas Timmermann-Levanas. “Wer ist eigentlich ein Veteran? Muss der im Krieg gewesen sein oder sogar außerhalb des Feldlagers unterwegs?” Für seinen Verband sind es “Soldaten der Bundeswehr, die in einem Auslandseinsatz waren, egal, ob als Küchenhelfer oder Scharfschütze”.

Timmermann-Levanas war in Afghanistan an Feuergefechten beteiligt, kämpfte gegen Aufständische und erlitt nach der Rückkehr eine Posttraumatische Belastungsstörung. Er war in etlichen Bundeswehrkrankenhäusern, vier unterschiedliche Fachärzte untersuchten ihn und diagnostizierten ein Kriegstrauma. Timmermann-Levanas wurde deswegen nach 24 Jahren aus der Armee entlassen. Doch als er einen Antrag auf eine Wehrdienstbeschädigung stellte, teilten die Behörden ihm mit, er habe gar keine PTBS, er sei nicht krank. Die zuständigen Beamten beriefen sich auf die Expertise einer Gutachterin, die Timmermann-Levanas nie gesehen hatte. Er ging gegen diese Einschätzung vor, immer wieder. Mittlerweile spricht er vom “Krieg gegen das System” vom “Krieg gegen die Bürokratie”.

(…)

(Den ganzen Artikel finden Sie auf ZEIT ONLINE – http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-03/bundeswehr-soldaten-trauma-betreuung)

Merkel will kleinere und flexiblere Streitkräfte

with 2 comments

Wie geht es weiter mit der Bundeswehr? Die Kanzlerin will eine flexiblere Armee

Wie geht es weiter mit der Bundeswehr? Die Kanzlerin will eine flexiblere Armee

Ein bisschen Rückblick, ein bisschen Ausblick, ein wenig Wohlstand in Deutschland, ein wenig kriegsähnliche Zustände in Afghanistan, eine Prise Fußball-WM, eine Messerspitze voll Bundeswehrreform. Diese Zutaten ergaben die Neujahrsansprache von Angela Merkel, die wohl auf Einschnitte vorbereiten – aber auch Mut machen sollte.

Die CDU-Vorsitzende steht vor einem schwierigen Jahr. Sieben Landtagswahlen mit von Meinungsforschern vorhergesagten mäßigen Ergebnissen für die Union und Wählerabstrafung für die FDP, dürften ihre Koalition erheblich belasten. Und auch in der Verteidigungs- und Außenpolitik steht das schwarz-gelbe Kabinett vor einem anspruchsvollen Jahr.

Deutschland übernimmt im Januar einen nichtständigen Sitz im Weltsicherheitsrat. Entscheidungen über den den Abzug aus Afghanistan stehen an und um die Einsparmöglichkeiten bei der Bundeswehrreform dürfte es innerhalb der  Union Streit – oder zumindest Verärgerung über Guttenberg - geben. In der Außen- und Verteidigungspolitik wird Merkel sich stärker engagieren und Deutschland auf internationaler Bühne mehr Profil entwickeln müssen.

In ihrer Neujahrsansprache beschäftigte sich Merkel bereits intensiver als in der Vergangenheit mit den deutschen Streitkräften. Vier Absätze widmete sie dem Thema. “Unsere Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan mussten in diesem Jahr den Tod von neun Kameraden verkraften. Auch wenn kein Wort von mir  das Leid der Familien und Freunde der Gefallenen tatsächlich mildern kann, will ich von Herzen sagen: Ich vergesse sie nicht”, sagte die Kanzlerin. “Auch die körperlich und seelisch Verwundeten vergesse ich nicht. Ich hoffe so sehr, dass sie rasch wieder gesund werden können.”

Wie es in Afghanistan weiter gehen soll, ob Deutschland nun 2011 mit dem Abzug beginnt, oder doch zu einem späteren Zeitpunkt, dazu sagte Merkel nichts. Im Januar steht die Mandatsverlängerung im Bundestag an. Dann wird die Kanzlerin sich wohl festlegen müssen. 

Merkel äußerte sich auf zur Reform der Streitkräfte – den Zwang zum Sparen und den Unmut über Guttenberg, der nun anscheinend doch nicht acht Milliarden aus dem Etat streichen will, erwähnte sie – wie zu erwartem war – nicht einmal indirekt. “Wir vollenden den Wandel der Bundeswehr zu kleineren und flexiblen Streitkräften, indem wir die Wehrpflicht durch einen freiwilligen Wehrdienst ersetzen. Dem Zivildienst wird ein Freiwilligendienst folgen”, sagte Merkel. “Das alles ist ein Einschnitt, ich weiß. Aber es ist auch eine Chance für unser Land, denn wir brauchen die Solidarität von allen – von Mensch zu Mensch.”

Bei Merkel klang es fast so, als sei der Wandel von der Freiwilligenarmee zur Berufstruppe die gesamte Reform. Doch was heißt flexiblere Streitkräfte - und wofür flexibler? Das Expertengremium, das Guttenberg bei der Reform der Streitkräfte berät, hatte einen stärkere Ausrichtung auf Auslandsmissionen gefordert. Welche Aufgaben die Bundeswehr künftig haben soll, dazu hält die Kanzlerin sich noch bedeckt.

Die Weise-Kommission hatte außerdem zahlreiche weitere Punkte genannt, die Guttenberg umsetzen will – zum Beispiel eine drastischere Verkleinerung des Ministeriums. Im Januar will sein Haus die Machbarkeit der Vorschläge überprüft haben – dann weiß auch die Kanzlerin mehr.

Amerikanische Kriegstouristen suchen ihren Frieden

leave a comment »

Der vietnamesische Dolmetscher Hong Thanh Nhan

Der vietnamesische Dolmetscher Hong Thanh Nhan

US-Veteranen des Vietnam-Kriegs kehren zu den alten Kampfplätzen zurück. Ein Dolmetscher, der im Krieg für die USA arbeitete, begleitet sie.

Von Hauke Friederichs, Hoc Tranc City

Die Amerikaner sind wieder da. Sie sind zurück im Dschungel, auf den matschigen Pfaden in der grünen Hölle. Die Hölle, in der die Amerikaner und ihre Verbündeten im Vietnam-Krieg vom Vietcong aufgerieben wurden. Die ehemaligen amerikanischen Soldaten, heute alte Männer, wollen sehen, wo sie ihre Jugend verloren, wo sie Todesangst litten, wo Kameraden von Sprengfallen zerfetzt wurden, wo sie beschossen wurden, wo sie selber den Feind jagten und wo sie vielleicht Zivilisten töteten. Amerikanische Veteranen kehren nach Vietnam zurück, um die Schauplätze ihres Krieges wiederzusehen. Sie kommen, um vergessen zu können. “Sie kommen, um den Frieden zu finden”, sagt Hong Thanh Nhan. Der Vietnamese führt die Veteranen zurück in ihre Vergangenheit. Er arbeitet als Dolmetscher, spricht ausgezeichnetes Englisch. Seine Kunden aus den USA wollen dem Krieg in ihrem Innern beenden, Alpträume und Traumata hinter sich lassen.

Bereits als junger Mann arbeitete Hong Thanh Nhan für die Amerikaner als Übersetzer. Er gehört der Minderheit der Khmer an. Er spricht deren Sprache, aber auch vietnamesisch. Sein Haar ist ergraut, sein Gesicht gegerbt, er sieht älter aus als seine 59 Jahre. Hong Thanh Nhan hat selber nicht im Krieg geschossen, aber dessen Verlauf ganz aus der Nähe erlebt. Auch dessen überraschend schnelles Ende.

Vor 35 Jahren, 1975, begannen die nordvietnamesische Armee und der Vietcong eine letzte Offensive. Sie rückten weiter vor, kamen der Hauptstadt des Südens immer näher. Saigon wurde eingeschlossen. Die Amerikaner verließen das Land überstürzt, sie ließen nicht nur Hubschrauber und Panzer zurück. Die meisten ihrer vietnamesischen Angestellten mussten sich in der wiedervereinigten Republik mit den Gewinnern, mit den Sozialisten aus dem Norden, arrangieren. Auch Hong Thanh Nhan blieb. Vietnam wurde wiedervereinigt, die Sieger aus dem Norden sperrten ihn in ein Umerziehungslager im Dschungel.

Dort erlebte er seine grüne Hölle. Zwei Jahre und neun Monate musste er dort Bäume fällen, den Boden umgraben, immer hart körperlich arbeiten und den Sozialismus kennen lernen. Er zählte jeden Tag, hoffte auf Freiheit. Dann, endlich, durfte er das Camp verlassen. Die Regierung ordnete an, dass er Reisbauer werden sollte. Hong Thanh Nhan hätte sich heimlich aus dem Arbeitslager wegschleichen können. Er hätte versuchen können, wie so viele seiner Landsleute, auf einem Boot aus dem Land zu fliehen. Doch Hong Thanh Nhan harrte aus. Er fürchtete, dass seine Familie sonst für seine Flucht hätte büßen müssen.

Einige Jahre schuftete er auf dem Feld. Mitte der achtziger Jahre öffnete sich dann das Regime. Die Privatwirtschaft wurde zugelassen, die Gesellschaft ein bisschen weniger kontrolliert und auch für Hong Thanh Nhan brachen bessere Zeiten an. Anfang der neunziger Jahre begannen ausländische Firmen Niederlassungen und Produktionsstätten in Vietnam zu eröffnen. Entwicklungshelfer aus Europa, auch aus Deutschland, kamen in das Land. Hong Thanh Nhan begann erneut, als Dolmetscher zu arbeiten. Sein Englisch bewahrte er sich, indem er britisches Radio hörte und den Kontakt zu Verwandten hielt, die als Boatpeople in die USA geflohen waren. Vor einigen Jahren flog er in die Staaten und besuchte das Land, aus dem im Krieg seine Auftraggeber kamen. “Ich mag die Amerikaner immer noch”, sagt er. Doch bleiben wollte er nicht in Nordamerika.

Er arbeitet lieber für die amerikanischen Touristen, die nach Vietnam kommen. Er führt Gruppen von Veteranen, ihre Frauen und auch Angehörigen von mittlerweile verstorbenen Ex-Soldaten zu den Tunneln des Vietcongs, zu den Schlachtfeldern und in die Dörfer, in denen sie gekämpft haben. “Die ehemaligen Soldaten wollen sehen, wie es dem Land heute geht. Sie wollen mit den Menschen sprechen, die früher nur Feinde waren”, sagt Hong Thanh Nhan. Sie seien erleichtert, dass ihnen die Menschen nicht mit Hass gegenübertreten. Und sie staunen, dass der American Way of Life auch in Vietnam angekommen ist – zumindest beim Konsum.

(…)

(Mehr auf ZEIT ONLINE)

Written by netzreporter

5. Dezember 2010 at 13:04

Erster Pop-Roman über deutsche Veteranen

leave a comment »

Pop-Roman über Veteranen? Der Blumenbar Verlag über "Deutscher Sohn"

Pop-Roman über Veteranen? Der Blumenbar Verlag über "Deutscher Sohn"

Der erste “Pop-Roman” (Süddeutsche Zeitung) über Veteranen des deutschen Afghanistan-Einsatzes erscheint am 4. September im Münchner Blumenbar Verlag. Die Autoren, Ingo Niermann und Alexander Wallasch, beschreiben in „Deutscher Sohn“ das Schicksal eines traumatisierten und schwer verwundeten Soldaten.

„Es ist der erste große Roman über deutsche Afghanistan-Heimkehrer“, schreibt SZ-Autor Christopher Schmidt im Ressort Wochenende. „Und es könnte ein neues Kapitel in der deutschen Gegenwartsliteratur aufschlagen, die sich nun mit etwas beschäftigen muss, von dem hierzulande lange nichts zu lesen war: einem real existierendem Krieg, an dem Deutsche beteiligt sind und in dem Deutsche sterben.“

Wer die Ankündigung des Verlages liest ahnt , dass der Roman nicht unumstritten sein wird – das er viele Menschen, gerade auch betroffene Soldaten provozieren wird: “Der invalide Afghanistanheimkehrer Toni lebt mit einer offenen Wunde im ehemaligen Zonenrandgebiet Niedersachsens. Sein Tagesablauf wird bestimmt von Verbandswechseln und schmerzlindernden Opiaten, Web-Porno, Traumatherapie und psychedelischen Alpträumen”, umreißt der Verlag die Handlung.  Und weiter: “Sein Leben ändert sich, als er die 19-jährige Helen kennenlernt, und sie sich gemeinsam in immer extremeren Sextechniken erproben. Zugleich wird er von einer heidnischen Sekte zum Heilsbringer erklärt.”

Das klingt nach einer Mischung aus im “Westen nichts Neues” und “Trainspotting”, verrührt mit Elementen aus der Titanic, “Das Letzte” aus der taz und aus den Filmen von Monty Python. Ob mit dieser skurrilen Handlung tatsächlich ein großer Roman gelingen kann – ich zweifle und bin gespannt.

Written by netzreporter

31. August 2010 at 05:59

Bundeswehr-Veteranen organisieren sich

with one comment

Deutsche Soldaten in Kundus

Deutsche Soldaten in Kundus / Foto: Hauke Friederichs

Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine neuen Veteranen mehr in Deutschland. Nun erleben immer mehr Soldaten den Krieg – und verbünden sich.

Von Hauke Friederichs

Lange Jahre hat es gedauert, bis deutsche Politiker vom Krieg in Afghanistan sprachen. Auch wenn dieser Terminus nur “umgangssprachlich” richtig sei, wie der Verteidigungsminister betont – und der Außenminister juristisch korrekt vom “nicht international bewaffneten Konflikt” spricht. Die Soldaten vor Ort, die beschossen werden und zurückschießen, die mit dem Tod bedroht sind und selber töten, für diese Soldaten bedeutete die Mission am Hindukusch schon seit Jahren ein Einsatz im Kriegsgebiet. Erstmals seit 1945 kehren damit auch wieder Hunderte Veteranen nach Deutschland zurück – viele gesund, manche aber auch verletzt an Körper und Seele.

Für die Traumatisierten und Verwundeten entstanden in den vergangenen Jahren Hilfsorganisationen wie die Deutsche Kriegsopferfürsorge (DKOF) und der Verein Traumalos. Für die gesunden Veteranen der Bundeswehr gab es bisher keine bundesweite eigene Vertretung von Bedeutung. Das soll sich nun ändern.

In Berlin gründeten Veteranen der deutschen Einsätze in Somalia, Bosnien und Herzegowina, im Kosovo und in Afghanistan sowie Sympathisanten einen Verein, der Bund Deutscher Veteranen heißen wird. Vor wenigen Tagen wurde zudem der Deutsche Veteranenverband in Osnabrück gegründet, der ähnliche Ziele verfolgen will. Zwar bestehen noch Verbände, die Veteranenheime für Kriegsteilnehmer des Zweiten Weltkrieges betreiben oder Sport für Versehrte anbieten, für Soldaten der Bundeswehr sind diese aber nicht zuständig.

“Wir wurden häufig von gesunden Veteranen gefragt, warum wir nicht auch etwas für sie anbieten”, sagt Andreas Timmermann-Levanas, Oberstleutnant außer Dienst. Er ist einer der Gründer des Bundes Deutscher Veteranen und baute bereits mit Mitstreitern die DKOF auf. Er wurde auch zum Vorsitzenden des neuen Vereins in Gründung gewählt. Der Bund Deutscher Veteranen wird im Berliner Vereinsregister eingetragen und soll gemeinnützig sein.

Timmermann-Levanas hat in Afghanistan gedient, war in Feuergefechte verwickelt und wurde dort traumatisiert. Mit dem Bund Deutscher Veteranen wollen er und die anderen Mitglieder für mehr Respekt und Anerkennung gegenüber den Veteranen in der Gesellschaft sorgen.

Der Verein in der Entstehung will außerdem ein Bund zwischen aktiven und ehemaligen Soldaten darstellen. Bisher gibt es den Deutschen Bundeswehrverband, der oft als Soldatengewerkschaft bezeichnet wird, und den Verband der Reservisten, die unter anderem ähnliche Ziele verfolgen. “Wir wollen den bestehenden Verbänden keine Konkurrenz machen”, sagt Timmermann-Levanas. “Viele Mitglieder der Deutschen Kriegsopferfürsorge und Interessenten für den Bund Deutscher Veteranen sind nicht Mitglied in den anderen Organisationen.”

(Mehr auf ZEIT ONLINE)

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.