Der Krieg im Kopf
Das Land schickt seine Soldaten in gefährliche Einsätze. Aber was tut es für sie, wenn sie Hilfe brauchen? Robert Sedlatzek-Müller kehrte traumatisiert aus Afghanistan heim. Lange kämpfte er um seine Versorgung und erstritt ein neues Gesetz. Teil 3:
Von Hauke Friederichs
Sedlatzek-Müller dachte noch, die Entschärfer seien verrückt, so auf die Rakete einzudreschen. Dann war um ihn herum nur noch grelles Licht und Schmerz. Die Rakete explodierte, die Druckwelle riss ihn um, zerfetzte sein Trommelfell. Verletzt lag Sedlatzek-Müller auf dem Boden. Neben ihm kämpften Sanitäter um das Leben eines Schwerstverletzten. Dessen Bauchdecke war aufgerissen, seine Gedärme waren zu sehen. Solche Bilder haben sich in Sedlatzek-Müllers Gedächtnis eingebrannt. Drei dänische und zwei deutsche Soldaten starben damals.
Worte wie Fürsorge, Verpflichtung, Solidarität hat Sedlatzek-Müller oft gehört, seitdem ihn die Bundeswehrärzte wieder zusammengeflickt hatten. Die Wunden heilten, die Narben werden irgendwann verblassen, sagte sich Sedlatzek-Müller. Er wollte zurück nach Afghanistan zu seinen Kameraden und zum Diensthund. 2003 und 2005 brach er erneut nach Kabul auf.
Er konnte verdrängen, dass er krank war. Das macht ein Trauma für viele nicht zu einer richtigen Krankheit. Auch Sedlatzek-Müller ignorierte, dass er aggressiver wurde, immer mehr Alkohol trank, dass er mit dem Auto raste. Spät gestand sich der Elitesoldat ein, dass er Probleme hat, die er nicht allein bewältigen kann. Er ging zum Truppenarzt. Er habe PTBS, eröffnete ihm der Mediziner. Sedlatzek-Müller konnte mit diesen vier Buchstaben zunächst nichts anfangen.
PTBS steht für Posttraumatische Belastungsstörung, eine psychische Krankheit. Für Sedlatzek-Müller bedeutet es, dass sein Krieg nie endet. Er erlebt in den sogenannten Flashbacks die schlimmsten Momente seiner Auslandseinsätze wieder und immer wieder. Die Grenze zwischen Realität und Erinnerung verwischt. Sein Körper schüttet Adrenalin aus. Die Muskeln verkrampfen. Bilder rasen durch seinem Kopf. Die Razzia im Kosovo, Leichen in Massengräbern, seine Eindrücke aus Afghanistan, die flimmernde Luft über kargem Land, die Grube bei Kabul, der Sprengmeister, der Hammer, der Meißel. Von Narben im Kopf, spricht Sedlatzek-Müller.
Es sind Narben, die nicht von allein heilen und verwachsen. Vor einigen Wochen hat er mit einer Therapie begonnen. Noch läuft die Stabilisierungsphase, sein Patient müsse zur Ruhe kommen, mahnt der Arzt. Der Kampf um das Gesetz und seine Zukunftssorgen haben Sedlatzek-Müller stark beschäftigt in den vergangenen Monaten. Im Mai hat er an einer Bundeswehrfachschule seine Erzieher-Ausbildung abgeschlossen – wegen seiner PTBS kann er diesen Beruf aber nicht ausüben. Nun macht er ein Praktikum beim BDV, das die Bundeswehr finanziert. Danach hätte ihm Hartz-IV gedroht – es sei denn, das Einsatz-Versorgungs-Verbesserungsgesetz erkennt auch ihn an.
Angespannt lehnt er sich auf der Zuschauertribüne nach vorne, als zur Abstimmung aufgerufen wird. Einstimmig wird das Gesetz angenommen. Die Politiker stehen von ihren Stühlen auf, klatschen Beifall. Sedlatzek-Müllers Gesicht zeigt keine Regung. Seine Freunde klopfen ihm auf die Schulter, gratulieren ihm und sich. Aber er sieht aus, als wäre er einen Marathon gelaufen. Seine Wangen sind noch eingefallener und blasser. Der Freund sagt zu ihm, dass die Bundeswehr nun erntet, was sie gesät habe, schließlich hätten die Fallschirmjäger gelernt, die Zähne zusammenzubeißen und immer weiterzumachen. Da grinst Sedlatzek-Müller. Zum ersten Mal.
(Quelle: Der Tagesspiegel, 1. November 2011, Seite 3. Online finden Sie den Text hier)
